Historischer Start: Erster G9-Jahrgang in Bayern beginnt mit Abiturprüfungen
Es ist ein bedeutender Moment für das bayerische Bildungssystem: Am Mittwoch starten die Abiturprüfungen für den ersten Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums (G9). Nach über 20 Jahren kehrt der Freistaat damit zu einer längeren Schulzeit zurück, die vor mehr als zwei Jahrzehnten abgeschafft wurde. Für rund 29.000 Schülerinnen und Schüler beginnt damit die finale Phase ihrer Schullaufbahn – ein deutlicher Kontrast zum Vorjahr, als nur etwa 5.900 Kandidaten zur Prüfung antraten.
Rückkehr zum G9 nach Jahren der Umstellung
Die Rückkehr zum G9 markiert das Ende einer langen Phase der Unruhe in den bayerischen Gymnasien. Ursprünglich wurde das damalige G9 im Schuljahr 2004/05 auf den internationalen G8-Standard umgestellt, was sich als überstürzte Entscheidung erwies. Schon 2014 begann mit dem Pilotprojekt Mittelstufe plus der langsame Abschied vom achtjährigen Gymnasium. Im Frühling 2017 wurde schließlich die definitive Rückkehr zum G9 zum Schuljahr 2018/19 beschlossen, begleitet von einem umfassenden Bildungspaket, das mehr inhaltliche und zeitliche Freiräume ermöglichen sollte.
Neue Freiheiten und Wahlmöglichkeiten bei den Prüfungen
Im Vergleich zum G8-System genießen die Abiturientinnen und Abiturienten nun erweiterte Wahlmöglichkeiten. Während die Prüfungen weiterhin in fünf Fächern abgelegt werden – drei schriftlich und zwei mündlich –, müssen nur noch Deutsch oder Mathematik verpflichtend schriftlich geprüft werden, nicht mehr beide Fächer. Zudem können naturwissenschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Fächer als drittes Leistungsfach gewählt werden, was bisher einer Fremdsprache vorbehalten war. Sogar die Kombination von zwei Fremdsprachen, zwei Naturwissenschaften oder zwei gesellschaftswissenschaftlichen Fächern in der Abiturprüfung ist nun möglich.
Kultusministerin Anna Stolz von den Freien Wählern betont die Vorteile dieser Reform: "Damit ist unsere neue Oberstufe etwas ganz Besonderes. Die Schülerinnen und Schüler können nach ihren individuellen Talenten und Interessen Schwerpunkte setzen." Sie hebt hervor, dass die Jugendlichen in den neun Jahren nicht nur fundiertes Wissen, sondern auch zeitgemäße Zukunftskompetenzen wie eigenständiges Denken und Verantwortungsbewusstsein erworben hätten.
Ablauf der Prüfungen und Reaktionen der Hochschulen
Die Abiturprüfungen starten dieses Jahr mit dem Fach Biologie und erstrecken sich vom 22. April bis zum 13. Mai für die schriftlichen sowie vom 18. Mai bis zum 12. Juni für die mündlichen Prüfungen. Die feierliche Übergabe der Abiturzeugnisse ist für den 26. Juni geplant. Trotz der deutlich größeren Anzahl an Prüflingen bereitet dies den Hochschulen im Freistaat keine nennenswerten Probleme.
Ulrich Meyer, Sprecher der Technischen Universität München (TUM), erklärt: "Wir haben die bayerische Delle nicht gespürt, wir spüren auch die Welle nicht. Wir nehmen die besten Studenten, die wir bekommen können." Auch die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und die Universität Erlangen-Nürnberg erwarten keine größeren Auswirkungen auf die Zahl der Erstsemester im kommenden Wintersemester. In Fächern mit Zulassungsbeschränkungen war der Effekt des fehlenden Abiturjahrgangs 2025 minimal, wie Blandina Mangelkramer von der Universität Erlangen-Nürnberg bestätigt.
Insgesamt steht das bayerische Gymnasium nun für eine positive Leistungskultur, die den Schülerinnen und Schülern mehr Zeit zur Entwicklung lässt, ohne die Anforderungen zu senken – die Allgemeine Hochschulreife muss weiterhin in drei Fächern mit erhöhtem Anforderungsniveau erworben werden.



