Lehrermangel in MV: Fast jeder zweite Pädagoge würde Beruf nicht mehr wählen
Lehrermangel in MV: Jeder zweite Lehrer würde Beruf nicht mehr wählen

Lehrermangel in Mecklenburg-Vorpommern erreicht kritischen Punkt

Die Attraktivität des Lehrerberufs in Mecklenburg-Vorpommern befindet sich auf einem alarmierenden Tiefstand. Aktuelle Forschungsergebnisse der Georg-August-Universität Göttingen in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) offenbaren eine besorgniserregende Situation: Nur 42 Prozent der befragten Lehrkräfte würden ihren Beruf heute noch einmal wählen. Noch deutlicher fällt die Empfehlungsbereitschaft aus – lediglich 15 Prozent würden den Lehrberuf uneingeschränkt weiterempfehlen, während 50 Prozent eher davon abraten.

Zeitdruck und Mehrarbeit als Hauptbelastungsfaktoren

Die im November 2025 durchgeführte Online-Befragung von über 2.000 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen zeichnet ein düsteres Bild der Arbeitsbedingungen. Dr. Thomas Hardwig, Leiter der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften an der Universität Göttingen, präsentierte die Ergebnisse in Schwerin und verwies auf besonders belastende Faktoren:

  • 80 Prozent der Lehrer fühlen sich durch permanenten Zeitdruck stark belastet
  • 68 Prozent leiden unter regelmäßiger Mehrarbeit
  • 73 Prozent verzeichnen eine deutliche Zunahme der Arbeitsanforderungen in den letzten Jahren
  • Besonders belastend werden Dokumentationspflichten (85 Prozent), Klassenleitertätigkeiten (67 Prozent) und Inklusionsaufgaben (63 Prozent) empfunden

Zusätzlich belasten schwierige Schüler (70 Prozent) sowie Konflikte mit Eltern oder Schülern (57 Prozent) den Berufsalltag. Die fehlende Anerkennung von Vorgesetzten (24 Prozent) und mangelnde Unterstützung in schwierigen Situationen (28 Prozent) verschärfen die Situation weiter.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Gratifikationskrise und gestörte Work-Life-Balance

Die Göttinger Wissenschaftler identifizieren eine tiefgreifende Gratifikationskrise: 29 Prozent aller Lehrkräfte in Mecklenburg-Vorpommern erleben, dass ihr beruflicher Einsatz nicht mehr in angemessenem Verhältnis zu Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten und Entlohnung steht. Besonders betroffen sind Seiteneinsteiger und Lehrer im Angestelltenverhältnis – jeder Dritte hält sein Gehalt für nicht leistungsgerecht.

Ein ebenso überraschendes wie alarmierendes Ergebnis: 81 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihre Arbeit ihnen nicht ausreichend Zeit für Familie, Freundschaften und private Interessen lässt. Für einen Beruf, der traditionell als familienfreundlich galt, markiert dies einen gravierenden Attraktivitätsverlust, wie Dr. Hardwig betont.

Gesundheitliche Folgen und Konsequenzen

Die belastenden Arbeitsbedingungen zeigen deutliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Lehrkräfte. Nur 40 Prozent bewerten ihren allgemeinen Gesundheitszustand als gut oder sehr gut, während Burnout und andere psychische Erkrankungen als reale Risiken identifiziert werden. Die Konsequenzen sind konkret:

  • Fast ein Viertel (24 Prozent) der Lehrkräfte plant, weniger zu arbeiten
  • Nur drei Prozent denken über eine Erhöhung ihrer Stundenzahl nach
  • 60 Prozent der über 55-Jährigen planen einen vorzeitigen Ruhestand

Reformforderungen und politische Reaktionen

Die Wissenschaftler sehen das Land vor großen Herausforderungen, betonen aber gleichzeitig, dass eine glaubwürdige, langfristig angelegte Reformperspektive die Stimmung drehen könnte. Ihr Maßnahmenpaket umfasst:

  1. Entlastung der Lehrkräfte bei Arbeitsintensität und Zusatzaufgaben
  2. Stärkung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
  3. Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
  4. Gezielte Förderung von Wertschätzung, Fairness und vertrauensvollem Schulklima

Die GEW unterstützt diese Forderungen nachdrücklich. Landesvorsitzende Ulrike von Malottki erklärt: „Bessere Arbeitsbedingungen in Schulen sind ein zentrales Thema unserer Gewerkschaft. Die Untersuchungsergebnisse überraschen uns nicht, aber nun haben wir belastbares Zahlenmaterial für konkrete Forderungen.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Das Bildungsministerium reagierte prompt auf die Studienergebnisse. Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) verwies auf bereits umgesetzte Entlastungsmaßnahmen: „Wir prüfen kontinuierlich, an welchen Stellen wir Lehrkräfte weiter entlasten können.“ Zu den bereits ergriffenen Maßnahmen zählen der Einsatz von Verwaltungskräften, über 800 unterstützenden pädagogischen Fachkräften und 240 Alltagshilfen an Schulen.

Die Göttinger Forscher werden ihre Untersuchung fortsetzen und in kommenden Auswertungen die Situation von Seiteneinsteigern sowie den Stand der Digitalisierung an Schulen in Mecklenburg-Vorpommern analysieren.