Der Fall Fernandes/Ulmen: Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft im Umgang mit Gewalt gegen Frauen
Fall Fernandes/Ulmen: Was er über unsere Gesellschaft verrät

Der Fall Fernandes/Ulmen: Warum diese Debatte so viel über uns als Gesellschaft erzählt

Die Vorwürfe von Collien Fernandes (44) gegen Christian Ulmen (50) rüttelten die Gesellschaft auf. Der Tag im März, als das Thema „Gewalt an Frauen“ unsere Gesellschaft kollektiv aufschreckte, war nicht der 11. März, als BILD die vertuschte Gruppenvergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in einem Jugendclub in Berlin-Neukölln öffentlich machte. Es war auch nicht der 9. März, an dem ein ehemaliger Mitarbeiter der Uni Freiburg, der über Jahre 800 Frauen heimlich in intimsten Momenten gefilmt hatte, zu einer milden Bewährungsstrafe verurteilt wurde und auch noch eine Entschädigung seines Arbeitgebers erhielt. Nein, es war Donnerstag, der 19. März, als der „Spiegel“ schrieb, dass Collien Fernandes ihrem Mann Christian Ulmen „virtuelle Vergewaltigung“ vorwirft.

Die Realität: Gewalt ist Alltag, nicht Ausnahme

Der „Spiegel“ hob die Geschichte auf eine Meta-Ebene der strukturellen Gewalt gegen Frauen. Auch wir bei BILD, die wir im November ein Schwerpunktthema „Gegen Gewalt an Frauen“ gestartet hatten, griffen die Vorwürfe auf, um mehrfach auf die flächendeckende Gewalt hinter den Anschuldigungen im Fall Fernandes hinzuweisen. Etwas, das angesichts von schwelenden Debatten um Pelicot und Epstein und ob der enormen Zahlen zu Gewalt an Frauen relevant ist.

2024 wurden in Deutschland rund 265.000 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, über 70 Prozent davon Frauen. Mehr als 50.000 Frauen und Mädchen wurden Opfer von Sexualdelikten, viele von ihnen minderjährig. Über 300 Frauen wurden getötet – meist durch Partner oder Ex-Partner. Das Dunkelfeld: weitaus größer. Studien des BKA gehen davon aus, dass nur ein Bruchteil solcher Taten angezeigt wird – bei sexualisierter Gewalt zum Beispiel nur 3 von 100 Taten. Bei digitaler 2 von 100. Gerade bei letzterer explodierten die erfassten Zahlen. 18.224 Frauen und Mädchen wurden als Opfer registriert, was den stärksten Anstieg unter den Gewaltformen darstellt.

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Flittchen und Kastration: Die Politisierung des Falls

Von links, von rechts, von Frauen, von Männern, von Alten und von Jungen wurde der Fall politisiert und instrumentalisiert: Der pensionierte Professor der Uni Hannover, Stefan Homburg (65), nannte Collien Fernandes „ein Flittchen“, die Influencerin Leonie Plaar (33) wünschte sich, dass Täter „an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehängt und öffentlich kastriert werden“. Die Linken-Politikerin Cansın Köktürk (32) zeigte auf Instagram Kanzler Friedrich Merz (70, CDU) den Mittelfinger, nachdem dieser in einer Regierungsbefragung die „explodierende Gewalt“ an Frauen zu einem „beachtlichen Teil“ auf Zuwanderung zurückgeführt hatte. Und die Kabarettistin Monika Gruber (54) zog bei X (vormals Twitter) digitale sexualisierte Gewalt ins Lächerliche, als sie bekundete, sie fühle sich wegen zweier Fake-Profile von ihr auch „virtuell vergewaltigt“.

Die eigentliche Debatte? Ging unter im Lärm der Extreme!

Statt nüchtern über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, eskalierte alles in zwei schrille Lager: „Alle Männer sind Schweine!“ gegen „Die Ausländer sind schuld!“ Die Wahrheit? Liegt dazwischen und ist viel unbequemer. Denn strukturelle Gewalt ist kein simples Feindbild. Sie ist vielschichtig, tief verwurzelt und historisch gewachsen. Wer sie verstehen will, muss genauer hinschauen. Ein Blick zurück zeigt, wie tief das Problem sitzt:

  • Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland nicht strafbar.
  • Bis 1977 benötigten Frauen das Einverständnis ihres Mannes, um arbeiten zu gehen.

Diese alten Regeln sind abgeschafft. Doch ihre Spuren wirken bis heute nach. Das Patriarchat ist kein feministisches Schlagwort, sondern ein System, das unsere Gesellschaft geprägt hat. Und genau deshalb reicht es nicht, mit dem Finger auf „die anderen“ zu zeigen. Die Wahrheit ist komplex. Das macht sie so unbequem und gefährlich für Stammtische – digital wie analog.

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Im Fokus der Debatten: Gruppenvergewaltigungen

2024 waren es laut Bundesregierung 788 (!). Der Ausländeranteil unter den Tatverdächtigen: überproportional hoch bei rund 50 Prozent. Eine Wahrheit, die wie im eingangs erwähnten Neuköllner Beispiel aus falsch verstandener Toleranz nicht gern ausgesprochen wird. Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour (49) dazu: „Aber das ist absolut notwendig. Gewalt gegen Frauen ist nicht per se ein migratisches oder muslimisches Phänomen. Aber gerade beim Thema sexuelle Gewalt gilt: Wenn ich aus einer Kultur komme, wo Sexualität tabuisiert ist, wo ich keinen normalen gesunden Umgang mit dem anderen Geschlecht lerne, werden immer wieder und eher auch solche extremen Grenzen auf das Schrecklichste überschritten.“

Keine Konsequenzen – Frauen schweigen

Vor allem institutionelle Faktoren spielen bei struktureller Gewalt eine Rolle: So ist das Sexualstrafrecht in der juristischen Ausbildung in Deutschland kein eigenständiger Pflichtbestandteil. Collien Fernandes nannte Deutschland ein „Täterparadies“. Auch für Managerin Iris Brand (41), selbst Gewalt-Betroffene und Mitgründerin der Initiative #DieNächste, sind „die fehlenden Konsequenzen das Grundproblem“. Brand sagt: „Ein großer Teil der Gewalt wird nicht angezeigt, Verfahren werden eingestellt, Verurteilungen bleiben aus.“ Das sende ein klares Signal: „Diese Gewalt hat oft keine ernsthaften Folgen. Und genau das hält das Täter-System stabil und lässt die Frauen schweigen.“

Lieben wir nur unsere Echokammer?

Aber warum passiert das nicht? Warum haben wir die Chance verstreichen lassen, nach dem Fall Fernandes Probleme, die uns alle angehen, wie Plattformregulierung, Identitätsklau im Netz und Behrdenversagen, in den Fokus zu rücken? Warum gelingt es uns nicht, am eigentlichen Thema und ohne persönliche Agenda zu diskutieren? Psychologe Ahmad Mansour sieht darin eine grundsätzliche Entwicklung moderner Öffentlichkeit. Durch soziale Medien, so Mansour, bewegten sich viele Menschen zunehmend in Echokammern, in denen sie vor allem mit gleichgesinnten Meinungen konfrontiert seien und sich die Bestätigung für die eigene darin holten. Empathie bekämen nur die Mitglieder der eigenen Gruppe.

Fehlt Menschlichkeit?

Der Fall Fernandes macht eines sichtbar: nicht nur eine Tat, sondern den Umgang einer Gesellschaft mit ihr. Am Ende stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie wollen wir auf Gewalt schauen? Vielleicht liegt die Antwort nicht in immer neuen Deutungen, sondern in einer Haltung, die verloren zu gehen droht: der Fähigkeit zur Empathie, zum Anstand. Und es geht letztlich nicht nur darum, Gewalt zu erklären. Sondern darum, ihr menschlich zu begegnen.