Sicherheitsgipfel bei der Bahn nach tödlichem Vorfall
Der tragische Tod eines 36-jährigen Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz hat die Sicherheitsdebatte im Bahnverkehr neu entfacht. Weil er einen schwarzfahrenden Fahrgast in einem Regionalzug bei Kaiserslautern des Zuges verweisen wollte, wurde der Familienvater brutal attackiert und erlag seinen schweren Kopfverletzungen. Der mutmaßliche Angreifer, ein 26-jähriger Grieche, befindet sich in Untersuchungshaft.
Dringlicher Austausch zwischen Politik und Bahn
Vor diesem tragischen Hintergrund treffen sich am Freitag Vertreter von Bund und Ländern mit Gewerkschaften, Verbänden und den Aufgabenträgern des öffentlichen Nahverkehrs. Bahnchefin Evelyn Palla hat bereits angekündigt, konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit mitzubringen. „Alle Beteiligten sollten in sich gehen: Was könnte ein konkreter Beitrag für mehr Sicherheit sein?“, appellierte sie laut Bahn in einer Videoschalte vor Tausenden Beschäftigten.
Gewerkschaften fordern drastische Maßnahmen
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sowie die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) drängen seit langem auf wirksame Schutzmaßnahmen. EVG-Chef Martin Burkert fordert eine flächendeckende Doppelbesetzung in Regionalzügen, bei der stets zwei Zugbegleiter Tickets kontrollieren. Die GDL-Betriebsräte unterstützen diese Forderung und verlangen in einem offenen Brief an die Bahnchefin für Züge ab neun Wagen sogar eine 1:2-Besetzung mit einem Zugchef und zwei Begleitern.
Besorgniserregende Statistik zu Übergriffen
Laut Bahn-Angaben kam es im vergangenen Jahr zu rund 3.000 körperlichen Übergriffen auf Beschäftigte des Konzerns. Zwar bedeutet dies einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr, doch das Sicherheitsgefühl der Belegschaft hat sich laut EVG-Umfrage deutlich verschlechtert. Mehr als 80 Prozent der rund 4.000 befragten Mitarbeitenden gaben an, bereits verbale oder körperliche Übergriffe erlebt zu haben. Fast zehn Prozent berichteten von sexueller Belästigung, und knapp zwei Drittel fühlen sich unsicherer als vor fünf Jahren.
Bodycams mit Tonaufnahme als Lösung?
Die EVG setzt sich deshalb für den flächendeckenden Einsatz von Bodycams mit Tonaufzeichnung ein. Diese sollen verbale Übergriffe dokumentieren und Täter zur Rechenschaft ziehen. Im Regionalverkehr der Deutschen Bahn stehen Bodycams bereits zur Verfügung, doch im Fernverkehr und an Bahnhöfen sowie bei Wettbewerbsbahnen ist die Ausstattung noch nicht einheitlich geregelt.
Komplexe Sicherheitslage und Finanzierungsfragen
Die Sicherheit im Bahnverkehr gestaltet sich äußerst komplex. Während im Fernverkehr die Bundespolizei unterstützt, sind im Regionalverkehr die Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen verantwortlich. Die regionalen Unterschiede bei Personalvorgaben sind groß. Die Finanzierung zusätzlicher Zugbegleiter stellt eine zentrale Hürde dar. Schätzungen zufolge könnte eine ausnahmslose Doppelbesetzung Hunderte Millionen Euro kosten. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) warnt vor unrealistischen Erwartungen: „Flächendeckende Präsenz von Sicherheitspersonal ist schon aus finanziellen und personellen Gründen nicht umsetzbar“.
Politische Forderungen nach klaren Vorgaben
Der Grünen-Bahnexperte Matthias Gastel fordert zusätzliches Geld für mehr Zugpersonal und eine Einigung zwischen Bund und Ländern zur Finanzierung. In den Ausschreibungen für den Regionalverkehr müssten die Besteller verbindlich vorgeben, wie viele Zugbegleiter in welchen Zügen einzusetzen sind. Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit ist der Druck auf die Teilnehmer des Sicherheitsgipfels hoch, konkrete Lösungen zu präsentieren und rasch umzusetzen. Neben Bahnchefin Palla hat sich auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) für das Treffen angekündigt.



