Emotionaler Prozessauftakt in Istanbul nach Tod deutscher Familie
Der Prozess um den tragischen Tod einer vierköpfigen Familie aus Hamburg in Istanbul hat mit starken Emotionen und gegenseitigen Schuldzuweisungen der Angeklagten begonnen. Im November verstarben die Eltern und ihre beiden kleinen Kinder während eines Türkei-Urlaubs – laut Anklage aufgrund einer Vergiftung durch ein im Hotel eingesetztes Insektizid. Vor Gericht müssen sich sechs Beschuldigte verantworten, darunter der Hotelbesitzer und der Chef einer Schädlingsbekämpfungsfirma. Ihnen drohen Haftstrafen von mehr als 22 Jahren.
Hinterbliebene fordern höchstmögliche Strafe
Schon vor Verhandlungsbeginn äußerten sich die trauernden Angehörigen der Familie. Die Mutter des verstorbenen Mannes sagte unter Tränen, ihre Familie wäre niemals in das Hotel gereist, wenn sie von der Pestizidanwendung gewusst hätte. Der Vater und Bruder des Mannes forderten die maximal mögliche Bestrafung. Der Bruder schilderte, dass er noch heute nachts mit Panikattacken aufwache, wenn ihm bewusst werde, dass seine Familie für immer fort sei.
Die Familie war während ihres Istanbul-Urlaubs im November zunächst mit Verdacht auf Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Zuerst starben die 27-jährige Mutter und die drei sowie fünf Jahre alten Kinder, nach mehreren Tagen auf der Intensivstation erlag auch der 38-jährige Vater seinen Verletzungen. Ein späteres Gutachten identifizierte Aluminiumphosphid, ein hochgiftiges Insektizid, als Todesursache.
Angeklagte schieben Verantwortung hin und her
Die Staatsanwaltschaft wirft den sechs Angeklagten bewusste fahrlässige Tötung vor und fordert Haftstrafen zwischen zwei Jahren und acht Monaten bis zu 22 Jahren und fünf Monaten. Im Gerichtssaal wiesen sich die Beschuldigten gegenseitig die Verantwortung zu.
Der Hotelbesitzer zeigte sich zwar ergriffen vom Tod der Gäste, wies jedoch jede Schuld von sich. Er habe zwar eine Schädlingsbekämpfung beauftragt, aber nicht geprüft, ob die Firma über gültige Zertifikate verfügte. Zudem habe er Mitarbeiter angewiesen, das behandelte Zimmer nicht zu belegen. Über mögliche Risiken durch Lüftungsschächte habe er nichts gewusst.
Der Anwalt der Familie, Yasar Balci, hatte zuvor erklärt, das giftige Gas könnte über einen Lüftungsschacht ins Zimmer gelangt sein. Er selbst habe später persönliche Gegenstände der Familie abgeholt, darunter ein Prinzessinnenkleid für die Tochter und ein Galatasaray-Trikot für den Sohn.
Mangelnde Kontrollen und fehlende Ausbildung
Auch der Chef der Schädlingsbekämpfungsfirma, der gemeinsam mit seinem Sohn und einem Mitarbeiter angeklagt ist, bestreitet die Vorwürfe. Seine Firma sei beim Finanzamt als Reinigungsunternehmen registriert gewesen, staatliche Behörden hätten dies nicht überprüft.
Der behandelnde Mitarbeiter gab an, als Putzkraft ohne Zertifikat angestellt worden zu sein und nur mit einer Staubmaske geschützt gewesen zu sein. Er bestreitet, Aluminiumphosphid verwendet zu haben, und beteuert, bei Kenntnis der Giftigkeit die Mittel nicht eingesetzt zu haben.
Laut einem rechtsmedizinischen Gutachten wurde im Hotelzimmer das toxische Gas Phosphin nachgewiesen, das zu lebensbedrohlichen Leber- und Nierenfunktionsstörungen führen kann. Unklar bleibt, wie die Firma an die Chemikalien gelangte, die nach Aussagen des Mitarbeiters regelmäßig verwendet wurden.
Richter mahnt: Realität endet vor Gericht
Eine Anwältin der Angeklagten forderte weitere Labortests und zweifelte an, ob tatsächlich das Gas die Todesursache war. Die Beileidsbekundungen der Beschuldigten überzeugten den Bruder des verstorbenen Vaters nicht – er sah darin bloße Ausreden.
Der Sohn des Firmeninhabers erklärte, niemand habe je nach einem Zertifikat gefragt, sonst hätte er die Wahrheit gesagt. In der Realität laufe das Geschäft eben anders, argumentierte er, woraufhin der Richter konterte: Die Realität ende dann vor Gericht.
Der unerlaubte Einsatz von Chemikalien, fehlende Branchenkontrollen und mangelnde Ausbildung der Arbeiter stellen ein weitreichendes Problem dar. Wie andere Fälle zeigen, führte der unsachgemäße Umgang mit Schädlingsbekämpfungsmitteln auch andernorts in der Türkei bereits zu schweren Erkrankungen und Todesfällen.
Die Hinterbliebenen der Hamburger Familie erhoffen sich im Istanbuler Justizpalast Caglayan ein hohes Strafmaß für die Angeklagten, während der Prozess unter großer öffentlicher Anteilnahme weitergeht.



