Liebesschwindel im Industrieformat: Betrugsfabriken verursachen Milliardenschäden weltweit
Liebesschwindel-Fabriken: Milliardenschäden durch Dating-Betrug

Liebesschwindel im Industrieformat: Betrugsfabriken verursachen Milliardenschäden weltweit

Der klassische Heiratsschwindler agierte einst als Einzeltäter. Heute hat sich diese Form der Kriminalität zu einer international organisierten Industrie entwickelt, die geschätzte Milliardenschäden rund um den Globus verursacht. Besonders rund um den Valentinstag, wenn Verliebte weltweit Liebesworte verschicken, sind auch Kriminelle besonders aktiv. Das übliche Einfallstor für sogenannte „romance scams“ bilden dabei Datingportale und entsprechende Apps.

Von Einzeltätern zu kriminellen Großunternehmen

„Es sind große Geschäftszentren, die diese Betrugsmaschen mit Skripten, Datenquellen und Handlungsanweisungen betreiben“, erklärt Jason Lane-Sellers, Fachmann für Betrugsbekämpfung beim Cybersicherheitsdienstleister Lexis Nexis Risk Solutions. Die kriminelle Branche arbeite heute in industriellem Maßstab und wende viel Zeit sowie Mühe für ihre Machenschaften auf. An der seit Jahrhunderten bekannten Masche hat sich im Kern wenig geändert: Der Schwindler täuscht Liebe vor, gewinnt Vertrauen und fordert anschließend unter wechselnden Vorwänden Geld.

Internationale Verbreitung und immense Schadenssummen

Viele dieser Scam-Fabriken werden nach Angaben von Experten in Myanmar und auf den Philippinen betrieben, existieren aber auch in Dubai, Südafrika, Nigeria, Ghana und Lateinamerika. Die Gesamtschäden sind nur schwer zu beziffern. Allein in den USA betrugen die durch Liebesschwindler verursachten Schäden nach Schätzung der US-Handelsbehörde FTC im Jahr 2024 etwa 1,1 Milliarden Dollar. Die tatsächlichen Summen dürften jedoch deutlich höher liegen, da die große Mehrheit der Betrogenen aus Scham nicht zur Polizei geht.

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Professionelle Opferauswahl und neue Betrugsvarianten

„Die effektivsten Liebesschwindler wählen ihre Opfer gezielt aus“, betont Lane-Sellers. Sie lauerten auf Datingportalen und Apps, wobei es sogar vorkomme, dass Scammer gezielt individuelle Profile erstellen. In einer neueren Variante verlangen die Täter kein Geld direkt, sondern überreden ihre Opfer zu „Investitionen“ in angeblich todsichere Firmen und Projekte – eine gefährliche Kombination aus Liebesschwindel und Anlagebetrug.

Thomas Goger, Sprecher der Zentralstelle Cybercrime an der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, beschreibt die Arbeitsbedingungen in diesen Betrugsfabriken: „Diese Taten werden aus regelrechten Betrugsfabriken heraus begangen, in denen unzählige Menschen in sklavenähnlichen Bedingungen gezwungen werden, diese Betrugsindustrie am Leben zu halten.“

Technologische Raffinesse und KI-Unterstützung

Besonders professionell arbeitende Täter setzen mittlerweile auch KI-Chatbots ein. Mit maschineller Hilfe gelingt es den Scammern, in für sie völlig fremden Sprachen authentisch wirkend zu schreiben oder sogar zu telefonieren. „Die Kombination aus menschlichem Erstkontakt auf der Plattform und KI-gestützter Weiterführung außerhalb macht diese Masche besonders gefährlich und schwer durchschaubar“, erklärt ein Sprecher des Hamburger Datingportals Lemonswan.

Die wirklich raffinierten Attacken, bei denen sechsstellige Summen erbeutet werden, sind oft auf Wochen oder Monate angelegte Operationen. „Ein Scammer steht unter Umständen mit Dutzenden seiner Zielpersonen gleichzeitig in Kontakt, so wie jeder gute Kundendienstmitarbeiter eines legalen Unternehmens seine Kunden über Chatdienste betreut“, verdeutlicht Lane-Sellers die industriellen Dimensionen.

Herausforderungen für Strafverfolgung und Datingportale

Für Strafverfolger international ist es bislang kaum möglich, gegen die Schwindel-Fabriken vorzugehen. „Es ist außerordentlich schwierig, die zahlreichen deutschen Fälle konkreten ausländischen Akteuren zuzuordnen“, sagt Leitender Oberstaatsanwalt Goger. Derzeit führe man jedoch intensive Gespräche mit Partnern in Südostasien, um den Informationsaustausch zu verbessern.

Die Datingportale selbst haben mit den Betrügern zu kämpfen und setzen auf mehrstufige Sicherheitssysteme. Bei Lemonswan gehören dazu unter anderem:

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  • Manuelle Prüfung neuer Nutzerprofile durch „Türsteherinnen“
  • Zusätzliche automatisierte Risikoeinstufung
  • Analyse auffälligen Nutzerverhaltens wie gleichlautende Nachrichten oder ungewöhnliche Login-Muster

Diese Systeme werden fortlaufend trainiert, um auch Veränderungen in Methoden und Strategien von Scammern schnell erfassen zu können. Erfolgreiche Liebesschwindler richten dabei doppelten Schaden an: Neben leeren Bankkonten hinterlassen sie gebrochene Herzen – ein emotionales und finanzielles Desaster für die Betroffenen.