Rostocker Pop-up-Kleidertausch „Schätzchen“: Nachhaltige Alternative zur Wegwerfgesellschaft
Die globale Modeindustrie zählt zu den ressourcenintensivsten und verschwenderischsten Wirtschaftszweigen weltweit. Jährlich werden etwa 180 Milliarden Kleidungsstücke produziert, wobei schätzungsweise 30 bis 50 Prozent davon unverkauft als Ladenhüter enden. In Deutschland kauft jede Person durchschnittlich 60 Kleidungsstücke pro Jahr, von denen jedes fünfte Teil praktisch nie getragen wird. „Wir wollen ein deutliches Zeichen gegen diese Verschwendung setzen und Kleidungsstücken eine zweite Chance ermöglichen“, betont Nicole Gericke, Koordinatorin des Projekts Fairtrade-Stadt Rostock.
Rathaus wird zur nachhaltigen Tauschbörse
Vom 20. bis 24. April verwandelt sich das Rostocker Rathaus unter dem Motto „Tauschen statt kaufen – Kleidung ein langes Leben schenken“ in eine umfangreiche Kleidertauschbörse. Die Veranstaltung fällt bewusst in die internationale Fashion Revolution Week, die an den Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch am 24. April 2013 erinnert. Bei dieser Tragödie kamen mehr als 1100 Menschen ums Leben. „Die Fashion Revolution Bewegung setzt sich seitdem konsequent für faire Arbeitsbedingungen, Transparenz und einen nachhaltigeren Umgang mit Kleidung ein“, erklärt Gericke.
Die „Schätzchen“-Kleidertausch-Veranstaltungen im April und September erfreuen sich großer Beliebtheit in der Hansestadt. „Die Resonanz ist regelmäßig überwältigend“, berichtet die Koordinatorin. „Beim letzten Kleidertausch in der Nikolaikirche mussten wir bereits nach zwei Tagen einen Annahmestopp verhängen, da wir die enormen Mengen nicht mehr bewältigen konnten.“ Aus diesem Grund gilt nun die Regelung, dass maximal 15 Teile pro Person abgegeben werden dürfen.
So funktioniert der nachhaltige Kleiderkreislauf
Täglich von 10 bis 18 Uhr können Besucher gut erhaltene Kleidungsstücke ab Größe 152 sowie Accessoires wie Mützen, Schals, Taschen und Schmuck tauschen. Alle Spenden müssen gewaschen, fleckenfrei, intakt und in optisch einwandfreiem Zustand sein. Nicht akzeptiert werden Schuhe, Strümpfe und Kinderkleidung. Die Kleidungsstücke sind ordentlich auf Kleiderständern präsentiert, und mehrere Kabinen mit Spiegeln stehen für Anproben zur Verfügung.
„Wer tauscht oder repariert, anstatt ständig neu zu kaufen, schont wertvolle Ressourcen, spart erhebliche Geldbeträge und setzt ein klares Statement gegen Fast Fashion und die moderne Wegwerfkultur“, unterstreicht Nicole Gericke. Im Jahr 2025 wechselten bei zwei „Schätzchen“-Veranstaltungen mehr als 30.000 Teile die Kleiderschränke. Besucher dürfen Kleidungsstücke mitnehmen, die ihnen gefallen, unabhängig davon, ob sie selbst etwas mitgebracht haben.
Vielfältiges Begleitprogramm für nachhaltige Bildung
Neben dem täglichen Kleidertausch erwartet die Besucher ein abwechslungsreiches und interaktives Wochenprogramm:
- Dienstag und Mittwoch: Siebdruck-Workshops
- Donnerstagnachmittag: Nähwerkstatt der Greifswalder Kabutze zeigt Reparatur- und Upcycling-Techniken
- Donnerstag und Freitag: Spielerische Bildungsinsel des Ökohauses Rostock
Eine öffentliche Umfrage lädt dazu ein, das eigene Kaufverhalten und die Bestände im Kleiderschrank kritisch zu hinterfragen. Alle Angebote sind kostenfrei und ohne vorherige Anmeldung zugänglich. Die „Schätzchen“-Veranstaltungen, zu denen auch ein Spielzeugtausch im November gehört, haben sich zu festen Größen im Rostocker Veranstaltungskalender entwickelt und demonstrieren praktische Alternativen zur konsumorientierten Wegwerfgesellschaft.



