Buchhandlung Möwe: 20 Jahre literarische Vielfalt in Warnemünde
Frank Weisleder, ein stiller und konzentrierter Buchhändler, betreibt seit zwei Jahrzehnten die Buchhandlung Möwe in der Luisenstraße in Warnemünde. Der Strand liegt nur 100 Meter entfernt. Am 30. Oktober 2006 öffnete er erstmals die Türen – ein Datum, das er später schmunzelnd als „eigentlich verboten“ bezeichnete, da es der Reformationstag war.
Auszeichnung für besonderes Profil
Der gelernte Jurist entschied sich bewusst für den Norden. Seine Buchhandlung vereint Tourismusgeschäft, regionale Literatur und ein freigeistiges Profil. Für diese Mischung erhielt er 2019 den Buchhandlungspreis. „Vieles hat sich ereignet, aber nicht unbedingt verändert“, sagt Weisleder über die Branche. Das E-Book habe das gedruckte Buch in Deutschland nicht verdrängt. Viele Urlauber kehrten nach Tests zum Buch zurück – aus praktischen Gründen am Strand.
Sortiment mit Balance
Weisleder richtet sich an Touristen und Einheimische. „Krimis und Unterhaltung gehören ebenso ins Regal wie anspruchsvolle Titel“, erklärt er. Küstenkrimis und Bestseller laufen beständig, ein einzelner Überflieger fehlt derzeit. Christoph Heins „Das Narrenschiff“ verkaufte sich ungewöhnlich gut.
Einzigartige DDR-Reclam-Sammlung
Ein besonderes Juwel ist die komplette Sammlung der in der DDR erschienenen Reclam-Bücher – von der Neugestaltung Mitte der 1960er-Jahre bis zur Wende. Rund 1400 Bände umfasst sie. Der Leiter des Reclam-Museums Leipzig bestätigte die Seltenheit: „Kein anderer Buchladen besitzt eine solche Sammlung“, so Weisleder.
DDR-Themen wieder gefragt
Das Interesse an DDR-Geschichte wächst wieder. Politische Entwicklungen wie Pegida und die AfD-Erfolge sind Auslöser. „Die Leser wollen den Osten besser verstehen“, sagt Weisleder. Autoren wie Steffen Mau oder Dirk Oschmann sind gefragt. Das DDR-Literaturregal wächst stetig.
Trendwende in der Literatur
Seit etwa zehn Jahren beobachtet Weisleder eine Trendwende: Weg von rein familiären Themen, hin zu Romanen und Sachbüchern mit Zeitgeschichte und Politik. „Das Sachbuch hat an Bedeutung gewonnen – auch durch internationale Krisen.“
Lesungen und besonderer Service
Über 150 Lesungen organisierte Weisleder, unter anderem mit Dagmar Manzel, Gregor Gysi, Harald Martenstein und Jürgen von der Lippe. Er bietet Service auch bei vergriffenen Titeln: Kürzlich beschaffte er ein Yachtbuch aus den USA für rund 300 Euro. Plattformen wie ZVAB sieht er als Ergänzung.
Maritimes Antiquariat und regionale Verlage
Im oberen Stockwerk führt die Möwe ein maritimes Antiquariat. Die Nachfrage ist gezielt. Der Name der Buchhandlung ist von Tschechows Drama und dem Ostberliner Künstlerlokal inspiriert. Für Einheimische ist sie eine Adresse für Titel kleiner regionaler Verlage. Ein blaues Fahrrad an der Promenade macht auf den Laden aufmerksam.



