Romely Pfund: 50 Jahre am Pult – ein einzigartiges Jubiläum
Romely Pfund: 50 Jahre am Pult – ein Jubiläum

Romely Pfund begeht im Mai ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum

Diese Frau wusste früh, was sie wollte: In einem Interview, das Romely Pfund der Freien Erde im September 1987 kurz vor ihrem ersten Philharmonischen Konzert in Neubrandenburg gab, erklärte die damals 32-Jährige: „Wenn man mit klaren Vorstellungen vors Orchester tritt, weiß, was man will, dann wird man auch akzeptiert.“ Offensichtlich akzeptierten die Musiker ihre Chefdirigentin, die sie zuvor gewählt hatten: Romely Pfund stand neun Jahre lang an der Spitze des Orchesters.

Erste Frau als Chefdirigentin in der DDR

Wenn heute eine Frau als Chefdirigentin oder Generalmusikdirektorin Premiere feiert, dürfte das eine breite Berichterstattung in den Medien nach sich ziehen. Nach wie vor gilt der Platz hinter dem Pult als Männerdomäne. Von den 130 klassischen Berufsorchestern wird weniger als eine Handvoll von Frauen geführt. Romely Pfund war 1987 die erste Frau, die in der DDR zur Chefdirigentin berufen wurde. Der Redakteur der Freien Erde kommentierte das eher nüchtern: „Eine Frau als Dirigent – ungewöhnlich ist das nicht, andererseits aber auch nicht die Regel.“

Zum Premierenkonzert gab es auch schwere Kost

Für ihr Premierenkonzert hatte sie, neben Mendelssohn-Bartholdy und Mozart, Siegfried Matthus (1934-2021), einen DDR-Vertreter der modernen Klassik, auf das Programm gesetzt. Schwere Kost, trotzdem honorierte das Publikum die Leistung des Orchesters mit „lang anhaltendem herzlichem Beifall“, wie es in der Freien Erde hieß. Nun feiert Romely Pfund ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. 50 Jahre als Dirigent im Rampenlicht, das ist auf jeden Fall eine ungewöhnlich lange Zeit. Als Dirigentin ist das sogar eine einmalige Leistung.

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Schon in der Schule dirigierte sie Laienchöre

Letztlich wäre dieses Jubiläum ohne das in der DDR übliche stringente Studium schwer schaffbar gewesen: Romely Pfund ist 1955 in Dresden geboren. Ihr Vater war Musiker, ihre Mutter Solotänzerin. Sie nahm ab dem achten Lebensjahr Klavierunterricht, interessierte sich aber auch für Zeichnen, Naturwissenschaften und Sprachen. An der Erweiterten Oberschule (EOS, heute Gymnasium) sammelte sie erste Erfahrungen als Dirigentin von Laienchören. 1974 bis 1979 studierte sie an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden. Ihr wichtigster Lehrmeister war der Generalmusikdirektor (GMD) Professor Rudolf Neuhaus (1914-1990), der viel Wert auf die Praxis legte. So leitete er allabendlich an der Dresdner Semperoper die Vorstellungen. Vor seinem Dresdner Engagement war Neuhaus übrigens am Theater Neustrelitz (1934-1944) sowie an der Staatskapelle Schwerin (1945-1953) tätig.

Seine Dresdner Studenten schickte er früh in die Theater und Konzertsäle. „Ich habe schon im Studium selbstverständlich durchgehend gearbeitet“, erinnert sie sich. So war sie als Assistentin des Philharmonischen Chores sowie als Repetitorin tätig. In dieser Zeit stand Romely Pfund auch das erste Mal als Dirigentin vor einem großen Orchester. Schon in ihrem letzten Studienjahr 1979 begann ihr Engagement am Theater der Altmark Stendal, wo sie ab 1981 als 1. Kapellmeisterin tätig war, eine Funktion, die die junge Frau danach ab 1983 auch am Landestheater Dessau ausfüllte.

Zusammentreffen mit der Legende Leonard Bernstein

Wenige Wochen bevor Romely Pfund in Neubrandenburg startete, durfte sie im Sommer 1987 am Internationalen Tanglewood Music Festival in Massachusetts teilnehmen, das mit Seminaren, Orchesterproben und persönlichen Begegnungen bis heute ein unvergessliches Erlebnis für sie ist. Zum Finale stand sie mit der Dirigenten-Legende Leonard Bernstein auf der Bühne der 6000 Besucher fassenden „Shed“, um die Haydn-Sinfonie Nr. 102 zu dirigieren. Zwei weitere wichtige Vorbilder waren Kurt Masur, der legendäre Gewandhauskapellmeister in Leipzig, den sie zugleich als Vaterfigur sah, sowie Seiji Ozawa, langjähriger Chef des Boston Symphonie Orchesters.

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Aufbau der Konzertkirche und privates Glück

Romely Pfunds Wirken ist eng verbunden mit dem Aufbau der Konzertkirche. Nachdem die Vier-Tore-Stadt die von der Kirche aufgegebene Ruine der Marienkirche seit Mitte der 1970er-Jahre wieder aufbaute, gab es 1989 mit einem Beschluss der Stadtvertretung einen Neustart zum Ausbau als Konzertsaal und Kunstgalerie. In dieser Zeit initiierte Romely Pfund die ersten Benefizkonzerte in der Kirche, die seinerzeit eine riesige Halle ohne Fußboden, Heizung und feste Sitzreihen war. „Trotz dieser Verhältnisse war die Begeisterung der Neubrandenburger riesig“, erinnert sie sich. „Wir waren immer ausverkauft, obwohl die Leute quasi im Dreck standen. Und das Orchester war elektrisiert. Es war eine wunderbare Zeit“, sagt die Dirigentin, die sich solch eine Aufbruchsstimmung öfter auch in der heutigen Zeit wünscht.

Romely Pfund lockte seinerzeit viele Stars nach Neubrandenburg, unter anderem Justus Frantz für das 3. Benefizkonzert. Er schockierte seine Fangemeinde nach dem Konzert in der leeren Halle mit der Ansage, „doch alles so zu lassen, wie es ist“. Die junge Künstlerin fand in Neubrandenburg aber auch ihr privates Glück: Mit der Deutschen Einheit brauchte es eine neue Rechtsform für die Philharmonie. Die Chefdirigentin suchte juristischen Rat bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und fand den Mann fürs Leben, den Steuerberater Christian Schwandt. „Ich habe mich sofort in ihn verliebt.“ Die beiden fackelten nicht lange: Sie heirateten und bekamen Anfang der 90er-Jahre zwei Kinder. „Lange frei gemacht habe ich wegen der Kinder aber nicht. Es war ja immer so viel zu tun“, erinnert sich Romely Pfund.

Christian Schwandt war später Geschäftsführer der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz (TOG) sowie Theaterdirektor in Lübeck. Seit Anfang 2021 führt er als Geschäftsführer das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin. Nach neun Jahren verließ Romely Pfund Neubrandenburg, war danach unter anderem GMD der Bergischen Symphoniker (1998-2009) und Operndirektorin am Landestheater Neustrelitz (2009-2013), um anschließend als Dozentin an der Musikhochschule Lübeck zu lehren. „Nebenbei“ verantwortete sie zahlreiche Konzert- sowie Musiktheaterprojekte in ganz Deutschland. Von den 130 deutschen Orchestern dirigierte sie 70. In den 50 Jahren leitete sie knapp 1400 Konzerte und 65 Musiktheaterproduktionen.

Der Kontakt in die hiesige Region riss nie ab, „die Philharmonie sei ein sehr treues Orchester“, sagt sie. Reinhard Bellmann, seit 1991 Solocellist, erinnert sich an seine erste Chefdirigentin als stets „gut gelaunt und gut vorbereitet“. „Frau Pfund hat es hervorragend verstanden, unserem Publikum in vielen Konzerten durch ihre kurzweiligen und interessanten Moderationen die Musik näherzubringen“, erinnert er sich. Dass es die Neubrandenburger Philharmonie bis heute gibt, sei nicht zuletzt ihr Verdienst. Anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums dirigiert Romely Pfund am 9. Mai im Theater Lübeck ein Konzert mit Werken von Joseph Haydn, Johannes Brahms und Leonard Bernstein. Das Konzert sei aber kein Abschied von der Bühne, versichert sie. „Ich dirigiere nach wie vor sehr gerne. Mal schauen, was die Zeit bringt.“