In großen deutschen Städten wird man in den nächsten Tagen aller Voraussicht nach Tumulte beobachten können. Vor Swatch-Stores werden sich wohl Schlangen bilden. Die begehrte Ware: knallbunte Taschenuhren an ledernen Schlüsselbändern. Auf den Zifferblättern vermählen sich zwei Markennamen, die so weit voneinander entfernt sind wie die Systemgastronomie vom Guide Michelin.
Swatch und Audemars Piguet: Eine ungleiche Partnerschaft
Swatch stellt normalerweise industriell Plastikuhren her, die humorvoll sind und demokratisch, weil zugänglich und preiswert. Audemars Piguet sitzt in den Schweizer Bergen, im Olymp der Uhrmacherei, und fertigt mit Handarbeit hochkomplizierte, mechanische und kaum zugängliche Uhren. Die einen verkaufen Uhren für 80, die anderen eher für 80.000 Euro. Für dieses Projekt trifft man sich preislich bei um die 400 Euro. Die Kooperation der Ungleichen versetzt die Uhrenwelt in Ekstase, was den Menschen außerhalb der Uhrenwelt egal sein könnte – würde sich hier nicht ein popkulturelles Phänomen anbahnen. Ein baumelndes Uhren-Labubu.
Die „Royal Pop“: Ein Feuerwerk der Referenzen
Die „Royal Pop“, wie die experimentelle Taschenuhr heißt, ist ein Feuerwerk der Referenzen. Es gibt sie in acht Varianten, was an das achtkantige Äußere der Royal Oak erinnert. Die Royal Oak ist die größte Armbanduhren-Ikone von Audemars Piguet, in den Siebzigerjahren auf den Markt gebracht und heute eine der begehrtesten Uhren der Welt. Die „Royal Pop“ erinnert namentlich an spielerische Swatch-Uhren aus den Achtzigern, deren Gehäuse man aus dem Band hat poppen lassen können, man trug sie also sowohl am Handgelenk als auch als Taschenuhr. Das geschah zu einer Zeit, als die europäische Uhrenindustrie bedroht war durch günstige Konkurrenz aus Japan und den USA. Swatch wehrte die Krise spielerisch ab und rettete die Schweizer Industrie. Die Uhrenindustrie ist gerade wieder in der Krise und hat gute Laune nötig.
Das Werk der „Royal Pop“ ist versehen mit gestalterischen Zitaten, die an Roy Lichtenstein erinnern; unverkennbar: die berühmten Pünktchen der Popliteratur. Auf dem Zifferblatt wiederum erheben sich kleine Quadrate, was man vornehm als Tapisserie-Motiv bezeichnet, ein Verweis auf das Zifferblatt der Royal Oak. Aber bevor dieser Text klingt wie der Monolog eines Nerds auf der WG-Party, dessen Zuhörer nach und nach fliehen, wechseln wir zurück in den Makro-Modus.
Ein popkulturelles Phänomen
Die Kooperation von Swatch und Audemars Piguet ist mehr als nur eine Uhrenkollektion. Sie vereint Popkultur mit traditioneller Uhrmacherkunst und spricht sowohl Sammler als auch modebewusste Menschen an. Die limitierte Auflage und der relativ erschwingliche Preis von rund 400 Euro machen die „Royal Pop“ zu einem begehrten Objekt. Die Uhrenindustrie befindet sich derzeit in einer Krise, und solche kreativen Partnerschaften könnten helfen, neue Käuferschichten zu erschließen und die Branche zu beleben.
Ob man eine Taschenuhr braucht, ist eine andere Frage. Aber die „Royal Pop“ ist mehr als nur ein Zeitmesser – sie ist ein Statement, ein Stück Popgeschichte und ein Symbol für die Verbindung von High-End-Handwerk und zugänglichem Design. Wer das Glück hat, eine zu ergattern, wird nicht nur die Zeit im Blick haben, sondern auch ein Stück Uhrengeschichte am Handgelenk oder in der Tasche tragen.



