Mit fast 100 Jahren noch täglich im Atelier: Malen bleibt Lebenselixier für Wolfram Schubert
Fast 100-jähriger Maler: Atelierarbeit als Lebenselixier

Mit fast 100 Jahren noch täglich im Atelier: Malen bleibt Lebenselixier für Wolfram Schubert

In seinem Atelier in Gardelegen steht Wolfram Schubert täglich spätestens ab 10 Uhr an der Staffelei. Dass der Künstler in wenigen Monaten seinen 100. Geburtstag begeht, scheint ihn dabei nur wenig zu kümmern. „Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach“, sagt der betagte Künstler mit fester Stimme.

Ein Stück Uckermark in Sachsen-Anhalt

Vor knapp zehn Jahren, als Schubert fast 90 Jahre alt war, rief er bei einem Treffen in Potzlow in der Uckermark noch scherzhaft zu: „Bis zum nächsten Mal, spätestens, wenn ich 100 werde.“ Damals sprachen wir über sein Leben in der nordöstlichen Idylle, das er sich schon als junger Mann gewünscht hatte. Er erzählte von seinem Aufstieg als Maler in der DDR, dem Umzug 1960 in den Bezirk Neubrandenburg und den verschiedenen Etappen seines künstlerischen Wirkens.

Die fast vergessenen Wandbilder aus DDR-Zeiten

Besonders interessant waren seine Schilderungen über die fast vergessenen Wandbilder aus DDR-Zeiten. Diese trugen klassenkämpferische Titel wie „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ – ein monumentales Fresko, das er 1969 für das Foyer der SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg geschaffen hatte. Nach der Wende wurde das Werk überklebt, doch inzwischen hat sich der Umgang mit DDR-Kunst gewandelt.

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Ende Februar dieses Jahres entschied die Neubrandenburger Stadtvertretung, dass das 2023 freigelegte Fresko dauerhaft sichtbar sein soll. Ein Antrag, das meterlange Doppelfresko temporär durch Rollos abzudecken, wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt. „Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen?“, fragt Schubert heute noch.

Der späte Umzug nach Gardelegen

2020 packten Wolfram Schubert und seine Frau Ingeborg überraschend die Koffer, um in die Kleinstadt Gardelegen in Sachsen-Anhalt zu ziehen. Er zählte damals 94 Jahre, seine Frau 89 Jahre. Viele fragten sich: Verpflanzt man so alte Bäume noch? Doch für die Schuberts schloss sich in Gardelegen ein Lebenskreis.

Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte Wolfram Schubert Ende der 1940er-Jahre seine Frau Ingeborg kennengelernt, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. „Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!“ 1949 heirateten beide – seit mehr als 75 Jahren gehen sie nun gemeinsam ihren Weg. In Gardelegen wohnen zwei ihrer drei Kinder.

Das Atelier als zweites Zuhause

Unweit des Marktplatzes von Gardelegen hat Schubert zwei riesige Geschäftsräume im Erdgeschoss angemietet. Die Räume zeugen von produktiver Unruhe:

  • Bilder und Skizzen in verschiedenen Stadien der Vollendung
  • Unzählige Pinsel und Farbtuben
  • Briefe und Zeitungsausschnitte
  • Plastiken und Drucktechnik
  • Meterlange Schränke mit Hunderten Aquarellen, Ölbildern und Grafiken

An der Wand stehen meterlange Schränke, in denen Landschaften, Orte und Menschen der Uckermark, Polens, Italiens und Afrikas lagern – ein lebendiges Archiv jahrzehntelangen Schaffens.

Gardelegen als neue künstlerische Heimat

Auf der Staffelei stehen derzeit zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung, bei denen der Schnee auf dem Pflaster für besondere Sauberkeit sorgt und die satten Farben betont. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sein spätes Werk entdeckt und hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest.

„Und da ist noch etwas, das mich an meine Jugend erinnert“, sagt Schubert schmunzelnd. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Berlin hatte sein Dozent den Absolventen geraten, sich ein Ladengeschäft in Ostberlin zu suchen. Schubert fand ein Atelier im Prenzlauer Berg: „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‛ malen. So ist es heute auch wieder.“

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Schicksalsschläge im hohen Alter

Zuletzt musste der fast Hundertjährige jedoch einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert aus Neddemin bei Neubrandenburg, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, einer Textil- und Papierkünstlerin, wollte Schubert für Ende März eine Ausstellung mit Werken beider Brüder in Magdeburg vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita Schubert.

Trotz dieser Verluste ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. Im Ausstellungstext heißt es: „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand und zunehmend mit dem Alter auch die Themen. Keine Hast, nichts ist dem Zufall überlassen.“

Ein Leben für die Kunst

Wolfram Schubert wurde am 30. September 1926 in Körbitz geboren. Sein Lebensweg führte ihn durch Kriegsdienst und Gefangenschaft, ein Studium an der Kunsthochschule Berlin und schließlich zu einer erfolgreichen Karriere als freischaffender Künstler in der DDR. 1970 erhielt er den Kunstpreis der DDR.

Heute, mit fast 100 Jahren, arbeitet er weiterhin täglich in seinem Atelier. Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiter gut in der Hand. Nur manchmal flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen nicht sofort einfallen, die vor 60 oder 70 Jahren seinen Weg gekreuzt haben. „Verdammt, ich werde alt!“ Eine halbe Stunde später hat er den Namen dann aber doch parat.

Bleibendes künstlerisches Erbe

Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine Exposition in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“. Schubert selbst blickt auf sein Schaffen mit Gelassenheit zurück: „Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung.“

Ob er etwas bewirken konnte? Schubert denkt kurz nach: „Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.“ Mit dem Haus der Kultur und Bildung und der Kunstsammlung wurden bleibende Einrichtungen geschaffen, in denen bis heute regelmäßig ausgestellt wird – ein Vermächtnis, das über das eigene Leben hinausreicht.