Mit fast 100 Jahren: Die ungebrochene Leidenschaft eines Malers
Wolfram Schubert malt und malt und malt. Dass der Künstler in wenigen Monaten seinen 100. Geburtstag begeht, scheint ihn nur wenig zu kümmern. Täglich steht er spätestens ab 10 Uhr in seinem Atelier in Gardelegen an der Staffelei. „Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach“, sagt der betagte Künstler mit fester Überzeugung.
Ein Stück Uckermark in Sachsen-Anhalt
In seinem Atelier in der Altmark-Stadt Gardelegen hat Wolfram Schubert zwei riesige Geschäftsräume angemietet, die von produktiver Unruhe zeugen. Bilder und Skizzen, Pinsel und Farbtuben, Fertiges und Angefangenes füllen den Raum. An der Wand stehen meterlange Schränke, in denen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken lagern – Landschaften, Orte und Menschen der Uckermark, Polens, Italiens, Afrikas.
Der Umzug nach Gardelegen im Jahr 2020, als Schubert 94 Jahre alt war, schloss einen Lebenskreis: Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte er Ende der 1940er-Jahre seine Frau Ingeborg kennengelernt, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. „Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!“ Seit ihrer Hochzeit 1949 gehen sie seit mehr als 75 Jahren gemeinsam ihren Weg.
Von der DDR-Kunst zur späten Wiederentdeckung
Schuberts künstlerisches Wirken reicht weit zurück. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Berlin stieg er als Maler in der DDR auf und schuf bedeutende Werke, darunter das Wandbild „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ für das Foyer der SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg. Nach der Wende wurde das Fresko überklebt, doch im vergangenen Jahr beschloss die Neubrandenburger Stadtvertretung, es dauerhaft sichtbar zu lassen.
Diese Entscheidung ersparte der Stadt nicht nur 11.000 Euro, sondern auch eine kulturpolitische Peinlichkeit. „Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen?“, fragt Schubert heute zu seinem Werk. Seine Überzeugung bleibt ungebrochen: „Im Sinne des Kulturbunds wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen.“
Gardelegen als späte Inspirationsquelle
Auf der Staffelei in seinem Gardeleger Atelier stehen derzeit zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung, der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben. Wolfram Schubert hat die gut erhaltene Altstadt von Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt und hält sie in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest.
Die Situation erinnert ihn an seine Jugend: Nach seinem Studium riet sein Dozent den Absolventen, sich ein Ladengeschäft in Ostberlin zu suchen. Schubert fand ein Atelier im Prenzlauer Berg. „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‛ malen. So ist es heute auch wieder.“
Künstlerische Verbindungen über Generationen
Zuletzt musste Wolfram Schubert schmerzliche Verluste hinnehmen. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte er eine Ausstellung vorbereiten – doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch sie.
Trotzdem ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand“, heißt es im Begleittext. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine weitere Ausstellung in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“.
Ein Leben für die Kunst
Wolfram Schuberts Lebensstationen lesen sich wie ein Stück Zeitgeschichte:
- Geboren am 30. September 1926 in Körbitz
- Kriegsdienst und Gefangenschaft von 1944 bis 1949
- Studium und Aspirantur an der Kunsthochschule Berlin 1950-1959
- Beginn der freiberuflichen Tätigkeit 1959
- Umzug nach Neubrandenburg 1960
- Zwei Afrikareisen nach Guinea 1965 und 1968
- Vorsitzender des Bezirksverbandes der Bildenden Künstler 1965-1988
- Kunstpreis der DDR 1970
- Umzug nach Potzlow 1994
- Umzug nach Gardelegen 2020
- Freilegung seines Freskos in Neubrandenburg 2023
Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen dem bald Hundertjährigen die Pinsel weiter gut in der Hand. Bisweilen flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen nicht sofort einfallen, die vor 60, 70 Jahren seinen Weg kreuzten. „Verdammt, ich werde alt!“ Eine halbe Stunde später hat er den Namen dann aber doch parat.
Seine Leidenschaft bleibt ungebrochen, seine Hingabe an die Kunst unvermindert. Wolfram Schubert malt weiter – und wird damit zum lebendigen Zeugnis eines bewegten Künstlerlebens, das fast ein Jahrhundert umspannt.



