Ein neues Buch von Lena Gorelik wirft die Frage auf: Ist die Beziehung zur Mutter die wichtigste unseres Lebens? Auf 272 Seiten voller Zärtlichkeit, Liebe und erschütternder Momente erkundet die Autorin in „Alle meine Mütter“ den Umgang mit jenen Frauen, die uns zur Welt gebracht haben. Der SPIEGEL-Artikel von Katharina Stegelmann vom 17. Mai 2026 beleuchtet dieses Werk.
Das jiddische Sprichwort und seine Bedeutung
Ein jiddisches Sprichwort lautet: „Weil Gott nicht überall sein konnte, hat er die Mütter erschaffen.“ Dieses Sprichwort enthält eine kultur- und religionsübergreifende Wahrheit über unser Bild von Mutterschaft: Die Frau, die uns geboren hat, soll allgegenwärtig, unersetzlich und allmächtig sein. Sie ist für alles verantwortlich, was ihr Kind betrifft, jetzt und für immer. Doch was bedeutet Mutterschaft wirklich? Welche Erwartungen, Ansprüche und Tabus sind mit dieser Rolle verbunden, die in unserer Gesellschaft als besondere Daseinsform verstanden wird?
Eine literarische Collage
In „Alle meine Mütter“ geht Lena Gorelik diesen Fragen nach. Entstanden ist eine literarische Collage, ein Puzzle aus Beobachtungen, Sprichwörtern, historischen Fakten und nicht wenigen autobiografischen Erfahrungen. Gorelik, 1981 im damaligen sowjetischen Leningrad geboren, ist Mutter zweier Söhne und Tochter einer offenbar wunderbar lebensklugen Frau sowie eines liebevollen Vaters. Sie beginnt ihr Buch mit Fakten über die massenhaften Abtreibungen in der Sowjetunion. Fast scheu nähert sie sich dem Thema, tastend. Seitenlang beschreibt sie den Weg einer unbekannten, namenlosen Frau in die Abtreibungsklinik: „Sie könnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie könnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt. … Die Zärtlichkeit versteckt sie, damit die Tochter aufs Leben vorbereitet ist, damit die Tochter weiß, dass das Leben kein Spaziergang ist, obwohl die Tochter doch genau da drinsteckt, mitten in diesem Leben, obwohl sie doch jetzt gerade dabei ist, das zu tun, was dieses Leben von ihr erwartet. … Sie könnte heißen wie ich, könnte so heißen wie jemand, die ich kenne.“
Die Vielschichtigkeit der Mutterrolle
Goreliks Buch zeigt, dass die Mutterrolle weit mehr ist als nur die biologische Funktion. Sie ist geprägt von gesellschaftlichen Erwartungen, kulturellen Tabus und persönlichen Erfahrungen. Die Autorin beleuchtet sowohl die zärtlichen als auch die schmerzhaften Aspekte dieser Beziehung. Es geht um Glück, den Geruch verschwitzter Kinderköpfe, aber auch um die Last der Verantwortung und die manchmal unerfüllbaren Ansprüche. Das Buch ist eine Einladung, die eigene Mutter jenseits ihrer Rolle als Mutter zu sehen – als Menschen mit eigenen Träumen, Ängsten und Wünschen.
Ein Werk voller Emotionen
Mit „Alle meine Mütter“ ist Lena Gorelik ein Werk gelungen, das berührt und zum Nachdenken anregt. Es ist ein Buch für alle, die sich mit der komplexesten Beziehung ihres Lebens auseinandersetzen möchten. Die Mischung aus persönlichen Erlebnissen, historischen Fakten und literarischer Finesse macht es zu einem einzigartigen Leseerlebnis.



