Schauspieler Henry Hübchen im Warm-up zum Filmkunstfest 2026: Zwischen Erinnerungen und politischen Statements
Schwerin • Das 35. Schweriner Filmkunstfest wirft seine Schatten voraus und bereitet sich mit einem besonderen Warm-up-Event vor. Am Mittwoch, dem 22. April 2026, wird Schauspieler Henry Hübchen als Stargast im Filmpalast Capitol erwartet, wo er bereits 2018 mit dem renommierten „Goldenen Ochsen“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Die Veranstaltung wird gemeinsam von der Schweriner Volkszeitung und dem Nordkurier organisiert und markiert den Auftakt zum bedeutenden Filmfestival in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns.
Erinnerungen an Schwerin und die Polizeiruf-Zeit
Wenn Henry Hübchen an Schwerin denkt, kommen ihm sofort die Dreharbeiten zu fünf Folgen der Krimiserie „Polizeiruf 110“ in den Sinn, die vor fast 25 Jahren in der Stadt stattfanden. „Wir haben damals im Hotel ‚Speicher‘ gewohnt – viel freie Zeit war nicht“, erinnert sich der Schauspieler. Dennoch konnte er durch die zahlreichen Drehorte in und um Schwerin einiges von der Stadt sehen. Besonders positiv bleiben ihm diese Produktionen im Gedächtnis, da das Team 2005 für die Weiterentwicklung der Serie mit dem angesehenen Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.
Hübchen äußert Verwunderung darüber, dass diese Krimis nie wiederholt wurden, und spekuliert, ob dies möglicherweise mit seinem ehemaligen Kollegen Uwe Steimle zusammenhängen könnte. Steimle spielte bis 2009 in insgesamt 31 Polizeiruf-Folgen den Kriminalhauptkommissar Jens Hinrichs und steht laut Hübchen beim NDR in Ungnade. „Es ist eine Katastrophe, welche Etiketten ihm angehängt werden – ‚gesichert rechtsextrem‘ zum Beispiel“, kritisiert Hübchen. Er bezeichnet Steimle als „gesichert unbequem“ und beklagt, dass in der heutigen Zeit Etikettierung oft den inhaltlichen Diskurs ersetzt.
Persönliche Verbindungen und berufliche Reflexionen
Abseits der Dreharbeiten schätzt Hübchen Schwerin vor allem wegen der vielen Gewässer in und um die Stadt. Auf dem Schweriner See nahm er einst an seiner letzten DDR-Meisterschaft im Windsurfen teil, wo er als zweifacher Meister damals nur noch den zehnten Platz belegte. „Daraufhin habe ich den Regattasport sein lassen. Ich verliere nicht gerne“, gesteht der Schauspieler mit einem Augenzwinkern.
Obwohl Hübchen selbst in zahlreichen Krimiproduktionen mitgewirkt hat, schaut er privat kaum Krimiserien wie den Tatort. „Nur wenn ich selbst einen Krimi gedreht habe. Aber das auch ziemlich zögerlich“, erklärt er. Stattdessen bevorzugt er Quizsendungen oder wirft gelegentlich einen Blick ins Trash-TV, wo er sich über die dortigen Verdienstmöglichkeiten wundert.
Netflix, KI und die Überflutung mit Unterhaltungsangeboten
Aktuell ist Henry Hübchen in der Netflix-Spionageserie „Unfamiliar“ zu sehen und reflektiert über die heutige Medienlandschaft. „Die Welt ist so vielfältig, gerade in einer Zeit, in der man jederzeit alles sehen kann, was man will“, stellt er fest. Die Überflutung mit Informationen und Unterhaltungsangeboten macht es seiner Meinung nach schwierig, sich für bestimmte Produktionen zu entscheiden, die man unbedingt gesehen haben muss.
Besonders kritisch sieht er die zunehmende Rolle von KI-Produktionen: „Da kann gelogen werden, dass sich die Balken biegen“. Hübchen beschreibt sich selbst als hilflosen Menschen angesichts dieser Entwicklungen und betont, dass das Einzige, was man wirklich muss, ist, diese Welt eines Tages zu verlassen. „Mit diesem Gedanken muss man sich nicht ständig beschäftigen, aber man sollte darüber nachdenken, wie man die Zeit bis dahin verbringt“, fügt er philosophisch hinzu.
Zur politischen Situation in Mecklenburg-Vorpommern
Im September 2026 steht in Mecklenburg-Vorpommern die Landtagswahl an, und laut aktuellen Umfragen könnte die AfD mit etwa 35 Prozent der Stimmen rechnen. Auf die Frage, ob ihn die Popularität dieser Partei beunruhigt, antwortet Hübchen entschieden: „Nein. Warum sollte mich das beunruhigen?“ Er verweist auf das demokratische Prinzip, dass im Parlament die Parteien sitzen, die vom Volk gewählt werden.
Hübchen argumentiert, dass wenn etablierte Parteien wie SPD, CDU oder Grüne weniger Wähler für sich gewinnen können, es dafür Gründe geben muss. „Dieses Ergebnis hat doch Gründe, die nicht durch Verbotsanträge oder Brandmauern zu eliminieren sind. Wir brauchen eine inhaltliche Auseinandersetzung“, fordert er. Seiner Meinung nach wäre es undemokratisch, das Volk als zu doof für anständige Wahlen zu betrachten – dann müsse man konsequenterweise das Volk abschaffen.
Friedenstüchtigkeit statt Kriegstüchtigkeit
Zum Abschluss des Interviews äußert Henry Hübchen seinen größten Wunsch für die Zukunft: „Wenn ich etwas erleben möchte, dann ist es, mehr Friedenstüchtigkeit als Kriegstüchtigkeit“. Er beklagt, dass in der heutigen Zeit oft nur noch in Feindschaften gedacht werde, statt an friedliche Koexistenz, Interessenausgleich und gemeinsame Sicherheit.
Trotz dieser kritischen Beobachtungen wünscht sich der Schauspieler, „ein unerziehbarer Optimist zu bleiben“. Diese Haltung spiegelt sich auch in seiner Herangehensweise an das Leben wider: „Ich bin ein Mann ohne Plan. Ich habe noch nie langfristige Pläne gemacht. Ich lebe quasi von der Hand in den Mund“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Beim Warm-up-Event im Filmpalast Capitol wird sich ab 18 Uhr alles um den Defa-Spielfilm „Jakob der Lügner“ drehen, die einzige DDR-Produktion, die jemals für einen Oscar nominiert war (1977). Hübchen spielte darin neben Größen wie Erwin Geschonneck, Vlastimil Brodský und Armin Mueller-Stahl, der in diesem Jahr den „Goldenen Ochsen“ erhalten wird. Hübchen zeigt sich beeindruckt von Mueller-Stahls Multitalent und kann dessen Entscheidung, irgendwann die Nase voll von Wartezeiten am Drehort zu haben, „zu 120 Prozent nachvollziehen“.



