Der Neubrandenburger Künstler Joke Reichel ist mit vier seiner Fotografien bei der renommierten Phototriennale in den Hamburger Deichtorhallen vertreten. Die Ausstellung „Cocktail Prolongé F.C. Gundlach Special“ zeigt seine Werke vom 5. Juni bis 22. September 2026.
Inszenierungen von Körperlichkeit
Das internationale Fotofestival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“. „Das ist in dem Bereich schon fast Champions League“, ordnet Joke Reichel die Veranstaltung ein. Die Ausstellung konzentriert sich auf die vielfältigen Inszenierungsmöglichkeiten von Körperlichkeit. Reichels Fotos wie „Bergsteigerglück“ und „In der Kind-Asana“ zeigen Männerrücken im Detail mit deutlichen Spuren.
Karriere ohne Geld, aber mit Prestige
Der 27-jährige Neubrandenburger erhält für seine Teilnahme kein Honorar, doch das Prestige wiegt schwerer. In einer Ausstellung mit renommierten Fotografen wie Robert Mapplethorpe, Joel Peter Witkin oder Fergus Greer gezeigt zu werden, bedeutet ihm viel. Reichel war bislang vor allem Kennern der regionalen Kunstszene bekannt.
Im Dezember 2024 startete er gemeinsam mit dem damaligen Neubrandenburger Oberbürgermeister Silvio Witt seine erste eigene Ausstellung „Häutung“ in der Galerie Tapetenwechsel. Seither stellte er in Berlin, Rostock, Ahrenshoop, Mailand und Quebec aus. Mit den Hamburger Deichtorhallen folgt nun der nächste Schritt: „Damit will ich richtig durchstarten.“
Vom Steinmetz zum Künstler
Reichels Weg verlief nicht geradlinig: Praktikum in einem Atelier, abgebrochene Steinmetzlehre, Job im Lebensmittelmarkt, abgeschlossene Lehre zum Einzelhandelskaufmann. „Nebenbei habe ich immer Fotografie gemacht, Gedichte geschrieben, mich für Kunst interessiert“, sagt er. Auch Fußball spielte er bis zu einer schweren Verletzung für den 1. FC Neubrandenburg 04 in der höchsten Liga Mecklenburg-Vorpommerns.
Zeitweise fotografierte er für die Stadt Neubrandenburg und betreute Social-Media-Auftritte. Seine Arbeit als Wahlkampfmanager für Oberbürgermeister Nico Klose war sein vorerst letzter Ausflug in den Dienstleistungssektor. „Jetzt mache ich nur meine Kunst“, sagt Reichel. Mit Hilfe eines Kunstmanagers will er seine Arbeiten über die Region hinaus platzieren: Hamburg, Berlin, Europa, vielleicht Asien. Finanziell möchte er davon leben können.
Die „Häutung“-Reihe als Türöffner
Seine Fotografien aus der „Häutung“-Reihe sollen Stärken und Schwächen von Körpern zeigen. „Mich interessieren neben der Schönheit auch der Verfall von Körpern, ihre Falten, ihre Vergänglichkeit“, erklärt Reichel. Seine Arbeiten greifen Motive aus queeren und Bondage-nahen Bildwelten auf. „Ich bin offen dafür und finde es interessant, wie das Leben manchmal so ist“, sagt er. Seine Modelle – bisher ausschließlich Männer – findet er im Freundeskreis oder über Instagram.
Neben der Fotografie gehört die Lyrik zu seinen Leidenschaften. Mit Silvio Witt verfasste er die Gedichtbände „Zwei deutsche Herren“ und „Hemingway an der Theke“. Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Fotografie, beflügelt vom Auftritt bei der Phototriennale. Die Galerie „Tapetenwechsel“ in Neubrandenburg wurde aufgelöst, aber ein gleichnamiger Verein besteht weiter. „Vielleicht entsteht daraus hier ja mal ein mobiler Kunstsalon mit kleiner Gastronomie“, so Reichel.



