Das Licht in Schwabing ist erloschen: Ein persönlicher Abschied von Mario Adorf
Persönlicher Abschied von Mario Adorf in Schwabing

Das erloschene Licht in Schwabing: Ein letzter Besuch bei Mario Adorf

Gestern stand ich erneut vor seinem stolzen Mietshaus in Schwabing, wo das Messingschild mit den eingravierten Buchstaben „M.A.“ an der Klingel hängt. Ich strich über das Schild und legte eine Blume auf die Stufen. Im ersten Stock wohnte er, wenn er in Deutschland war – nicht in seinen anderen Wahlheimaten Paris oder St. Tropez. Immer hatte ich gehofft, wir würden uns noch einmal in seiner deutschen Lieblingsstadt treffen, gleich um die Ecke vom Siegestor, und bei „seinem“ Italiener in der Maximilianstraße eine Pizza essen.

Ein Abschied ohne Zugabe

Nun ist es zu spät. Das Licht im ersten Stock wird nicht mehr auf den Gehsteig fallen am Abend. Es gibt keine Zugabe mehr. Leider. „Mario Adorf. Zugabe!“ – so heißt das Buch, das ich über ihn schreiben durfte, seine letzte Biografie. Für dieses Werk begleitete ich ihn ein ganzes Jahr lang. Für mich, den ehemaligen Chefreporter der AZ, war es eine der schönsten Zeiten meines Journalistenlebens.

Weil ich heute nicht mehr bei ihm läuten konnte, ging ich stattdessen an dem Ort entlang, an dem für ihn alles begann: der legendären Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen an der Maximilianstraße. Hier sprach er zum ersten Mal vor, und hier nahmen sie ihn auf. Immer, wenn ich an diesem Haus vorbeiging, dachte ich an ihn, den berühmten Absolventen dieser Schule, an der auch Kollegen wie Otto Sander, Joachim Król, Sebastian Koch oder Katja Riemann starteten.

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Die Schwabinger Wohnung: Ein Ort des Geistes

Mario Adorf, der Weltbürger. Ein frischer Geist weht bis heute durch seine Schwabinger Wohngegend. In der Nähe liegt der Geschwister-Scholl-Platz, der an die Heldentaten der Widerstandskämpfer erinnert. Es ist eine Freude, dass der Jahrhundertzeuge Adorf ausgerechnet in der Nachbarschaft der Münchner Universität wohnte, wo Hans und Sophie Scholl ihre mutigen Taten wagten. Er stand für das andere München, für das Mutmachende jener Stadt, die einst „Hauptstadt der Bewegung“ war.

Wenn ich am Messingklingelschild läutete, knisterte seine Stimme durch die Sprechanlage. Die Tür öffnete sich, und man stand in einem Portal mit halbrunder Decke. Oben angekommen, warf Adorf die Espressomaschine an, aus der eine Wolke herauszischte, die an ein Café aus dem letzten Rom-Urlaub erinnerte. Dazu legte er passendes Gebäck, das nach Amaretto schmeckte und aufs Parkett krümelte.

Gespräche, die wie Filme waren

Jeder seiner Schritte knarzte über das Holz, das dann seine ganz eigenen Geschichten erzählte. Bis Adorf selbst seine Stimme erhob. Sie geriet erst so richtig ins Klingen und füllte die Räume, wenn sie begann, eine kleine Geschichte zu erzählen. Alltägliche Höflichkeitsformeln oder Beinahe-Smalltalk dauerten bei ihm erstaunlich kurz. Mit Adorf redete man nie lange drumherum.

Wenn man ihm gegenübersaß, war es wie im Kino. Immer lief irgendwie ein Film ab. Manchmal hörte man ihm so gebannt zu, dass man gar nicht bemerkte, wie er die Stimme gerade abgesetzt hatte und eine Antwort erwartete. Man musste dann schnell zurücktauchen aus dem Film ins Jetzt. Ein paar Worte reichten, denn man wollte vom Film nichts verpassen.

Die Wohnung: Ein Refugium der Erinnerungen

Links lag das Wohnzimmer mit Sesseln, aus denen man sich Stunden später nur mit einem mutigen Ruck wieder herausschaukeln konnte. An den Wänden leuchteten Farben aus abstrakten Bildern. Rechts das Arbeitszimmer: Adorfs Schreibtisch war beinahe mehrstöckig, mit offenen Fächern voller Manuskripte. In der Mitte sein von Denkzetteln umzingelter Laptop. Große Fenster ließen den weißblauen Tag herein. Neben ihnen hing Hildegard Knefs Selbstporträt. Im Rücken, unscheinbar für ihn und seine Gäste, standen Dutzende Preise aus sechs Lebensjahrzehnten, vier davon für den „Großen Bellheim“.

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München und St. Tropez: Zwei Heimaten

München war für ihn seit seinen Anfängen an der Falckenberg Schule künstlerische Heimat. Kaum hatte er 1955 an den Kammerspielen sein erstes festes Engagement, holte er seine geliebte Mutter an die Isar. Ihr Grab liegt bis heute in unserer Stadt. Sobald er das erste richtig gute Geld verdiente, mietete er ihr ein Haus in Harlaching, bis er ihr 1970 ein Haus in Grünwald baute. 2004 kehrte er selbst nach München zurück, nachdem er die Wohnung in Rom aufgegeben hatte – von Italien, insbesondere von Berlusconi, hatte Adorf damals genug.

2019 lud er mich in sein Sommerhaus nach St. Tropez ein. Ich durfte eine Woche Gast sein in seiner Einliegerwohnung, während er mir sein Leben für unser Buch erzählte. Eine herrliche Männerwoche. Seine Villa lag verborgen hinter Pinienhainen und Oleanderhecken. Im Garten setzte er sich unter eine Pergola, darüber rankte wilder Wein. Von den Terrassen seines Hauses schaute er hinab zur Küste der Côte d’Azur, meist in sein bevorzugtes Blau.

Gedanken an den Abschied

„Azzurro“ war eine seiner Lieblingsmelodien, die er gern vor sich hinsummte – auch gegen die Wehmut, die manchmal in seinem Gemüt aufzog. So viele Ausgekochte und Abgebrühte hatte er gespielt, jetzt bloß nicht sentimental werden! Und doch waren da schwere Gedanken: „Was, wenn dieser Sommer, der sich bald davonmacht, sein letzter wäre?“, dachte er schon 2019.

In unseren Gesprächen beschrieb er oft das „große letzte Mal“. Er erzählte, wie er sich ausmalte, Menschen, Orte und Dinge ein letztes Mal zu genießen. „Dieser Gedanke hat für mich nichts Trauriges, sondern es befriedigt mich sogar, diese Augenblicke bewusst zu empfinden.“

Die Adorf-Aura und die Einsamkeit

Schon immer umgab diesen Weltstar etwas Unerklärliches. Jene typische Adorf-Aura, von der es hieß, er könne mit ihr einen Raum, den er gerade betreten hatte, aus dem Stand heraus für sich einnehmen. Manchmal kam es einem vor, als wäre seine Aura schon vor ihm da, etwa wenn er entfernt sprach. Seine Stimme mit diesem Kaminknistern kündigte ihn dann von Weitem an und ergriff Besitz von einem.

Sprach ich ihn auf den Goldnugget an, den er verborgen unter seinen Hemden trug, brummte er, dass der ihm „nichts weiter bedeute“. Denn das Glück war ihm auch ohne Talisman gewogen. Wenn er nachts allein durch seinen Garten in St. Tropez spazierte und ich seine Schritte über den Kies knirschen hörte, musste ich mir vorstellen, wie diesen Mann von Kindesbeinen an eine Einsamkeit umgeben hatte. Seine geliebte Mutter – der italienische Vater hatte sich davongemacht – musste ihn unter der Woche ins Waisenhaus von Mayen geben. Als Näherin arbeitete sie Tag und Nacht, um den Buben durchzubringen.

Vielleicht behielt Mario Adorf ein Stück jener Einsamkeit lebenslang. Er verwandelte sie in eine seiner Stärken. Rainer Maria Rilke, von dem Adorf Gedichte rezitierte, schreibt: „Es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun.“ Dass etwas schwer ist, war für Adorf immer ein Grund, es zu tun. Mit seiner „schweren Einsamkeit“ und einer eleganten Egozentrik brachte er es an eine einsame Spitze.

Der Wunsch: Für immer in München bleiben

Was er vermisste, waren wahre Freundschaften. „Sie zu pflegen, versäumte ich zeitlebens. Das war ein Fehler“, sagte er. Wenn ich in St. Tropez von ihm Abschied nehmen musste und sich das Tor vor seinem Haus öffnete, fühlte es sich an, als ob ein Vorhang fiel. Man umarmte einander, und ich stieg in den Wagen. Im Rückspiegel sah ich ihn auf der Straße stehen, die Hand hebend, lange winkend, bis er verschwand – und doch bei einem blieb.

An Heiligabend 2025, zur Bescherungszeit, rief er ein letztes Mal an. Er sagte, er sei nun in Paris und wolle dort bleiben, so gern er auch noch einmal nach München gekommen wäre. Da ahnte ich, dass er sich auf seine letzte Reise vorbereitet hatte. Vielleicht, so hoffe ich, kommt er doch noch einmal zurück zu uns, zum Bogenhauser Friedhof, wo Fassbinder, Dietl, Fischer und Eichinger liegen. Dort, so sagte er mir, würde er gerne eines Tages für immer bleiben.