Familientreffen im maroden DDR-Bau: Komödie ohne echte Tiefe
Im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin feierte am Freitag die Uraufführung von Kulturhaus, mon amour Premiere. Das eigens für das Schweriner Ensemble geschriebene Stück der Rostocker Autorin Juliane Hendes versammelt eine zerstrittene Familie im heruntergekommenen Kulturhaus eines mecklenburgischen Dorfes.
Omas letzter Wille als Rahmenhandlung
Die Handlung dreht sich um den letzten Wunsch der verstorbenen Oma, die ihre Familie im Kulturhaus ihres Heimatdorfes versammeln wollte. Ihre genauen Vorgaben für die Trauerfeier umfassen:
- Wein des Martensmannes für den Trinkspruch
- Musik von einer diatonischen Handharmonika
- Filzhüte für alle Trauergäste
- Eine Urne aus Waldglas
- Vorträge alter mecklenburgischer Sagen statt einer Predigt
- Nudeln mit Tomatensoße als Leichenschmaus bei Beerdigung an einem Freitag
Eine gespaltene Familie im ostdeutschen Nirgendwo
Die Figurenkonstellation spiegelt verschiedene Generationen und Lebensentwürfe wider:
Heike, gespielt von Katrin Heinrich, ist die älteste Tochter und Hauptverantwortliche, die Oma schließlich ins Rentner-Gefängnis geben musste. Günther (Sebastian Reck) als Heikes Exmann gilt immerhin als halber Sohn der Verstorbenen. Olaf (Christoph Götz), der leibliche Sohn, kämpft mit Unzufriedenheit über sein Leben und seinen Job als IT-Experte bei der Bahn.
Daniel (Rudi Klein), Sohn von Heike und Günther, lebt mittlerweile im hippen Berlin und distanziert sich von seinen teils rechtsgerichteten Kindheitsfreunden. Seine Begleiterin Fanny (Joana Damberg) aus Tuttlingen erlebt ihren ersten Aufenthalt tief im Osten. Gabi (Julia Keiling), die zweite Tochter, hatte seit ihrem Umzug nach Gütersloh in die blühenden Landschaften keinen Kontakt mehr zur Familie.
Vielversprechende Ansätze ohne konsequente Umsetzung
Obwohl das Stück im Vorfeld als todernste Familienkomödie angekündigt wurde und die Autorin sich mit ostdeutscher Geschichte beschäftigt, bleiben diese Themen an der Oberfläche. Regisseur Jakob Weiss inszenierte das Stück in der M*Halle mit einem Bühnenbild, das die typische Ästhetik von DDR-Kulturhäusern aufgreift – inklusive überdimensionalem Mosaik, tropfendem Wasser durch undichtes Dach und aufwirbelndem Staub.
Die Schauspieler, insbesondere Christoph Götz und Julia Keiling, stürzen sich mit Verve in ihre Rollen. Die komödiantischen Elemente und Wortspiele kommen jedoch oft bemüht daher. Ein Beispiel: Auf Fannys Bitte Erzähl mir von der toten Oma erklärt Daniel: Das ist gebratene Grützwurst, die so aussieht, als wenn irgendwas über sie drübergefahren ist...
Ost-West-Thematik bleibt oberflächlich
Die westdeutsche Wahrnehmung ostdeutscher Geschichte wird hauptsächlich durch Fanny thematisiert, der Heike Ost-Katastrophentourismus unterstellt. Die junge Frau posiert im maroden Kulturhaus für Fotos und bemerkt, dass es im Osten in jedem Dorf einen Plattenbau gibt. Ihre Aussage Deine Familie ist so toll, lauter Originale wirkt jedoch eher wie eine Karikatur als wie ernsthafte Auseinandersetzung.
Interessanterweise werden die im Osten gebliebenen Familienmitglieder wie Olaf als leicht vertrottelt dargestellt, während Gabi, die in den Westen ging, als Dame von Welt erscheint. Echte generationenübergreifende Unterschiede – etwa Fannys Ablehnung traditioneller Bezeichnungen wie Freundin – werden nicht konsequent als Ost-West-Thema entwickelt.
Verpasste Chancen für tiefere Auseinandersetzung
Wo echte Befindlichkeiten aufblitzen – etwa wenn Daniel vom Erbe der als Flüchtlinge ins Dorf gekommenen Großeltern spricht oder Heike ihrer Schwester vorwirft, es sei leicht abzuhauen – kehrt das Stück schnell zu oberflächlichen Familienstreitigkeiten zurück. Regionale Bezüge, etwa zum Kulturhaus im einstigen DDR-Vorzeigedorf Mestlin, bleiben ungenutzt.
Gemischte Publikumsreaktionen
Die Premierenbesucher reagierten unterschiedlich: Ein Teil bedauerte die fehlende tiefere geschichtliche Auseinandersetzung, andere spendeten reichlich Applaus und erkannten eigene Erfahrungen in der Bühnengeschichte wieder. Einige Zuschauer berichteten sogar, zeitweise einen seltsam-muffigen Geruch im Theaterraum wahrgenommen zu haben – möglicherweise eine gelungene immersive Ergänzung zum maroden Bühnenbild.
Weitere Vorstellungstermine:
- 26. April, 18 Uhr
- 2., 16. und 30. Mai, jeweils 19:30 Uhr
- 25. Mai, 18 Uhr
Alle Vorstellungen finden in der M*Halle statt. Kartenreservierung unter Telefon 0385 53 00-123 oder per E-Mail.



