Gisèle Pelicots Memoiren: Vom Opfer zur Überlebenden - Ein leises Buch über Gewalt und Zuversicht
Gisèle Pelicot überlebt das Unvorstellbare und erzählt in ihren Memoiren, wie sie nach dem Horror langsam in ein neues Leben findet. Ein leises und zugleich starkes Buch über Gewalt, Trauer, Liebe und Zuversicht, das tiefe Einblicke in eine persönliche Überlebensgeschichte gewährt.
Das abrupte Ende eines vermeintlich glücklichen Lebens
„Mein Leben war nur noch eine nicht enden wollende Nacht.“ So beschreibt die Französin Gisèle Pelicot ihre Verzweiflung im Angesicht der Abgründe ihres Mannes, der sie über Jahre hinweg betäubte, vergewaltigte und Fremden zur Vergewaltigung anbot. Als sie im Herbst 2020 auf einer Polizeiwache in Carpentras erstmals erfährt, was ihr Mann Dominique ihr angetan hat, kann sie sich selbst auf den Fotos, die der Kommissar ihr vorlegt, nicht erkennen.
„Ich bin mir meines, unseres Glücks sicher. Bald fünfzig Jahre verheiratet, und die Erinnerung an unsere erste Begegnung noch ganz klar.“ Doch der vermeintlich so vertraute Mann kommt von der Wache nie wieder nach Hause. Und während die Ereignisse über sie hereinbrechen, denkt Pelicot: „Es konnte einfach nicht sein.“
Der mühsame Kampf zurück in die Normalität
Schnell packen die herbeigeeilten Kinder und sie Pelicots Leben im Örtchen Mazan in wenige Koffer. Vieles landet auf der Müllhalde, manches zerstört die Tochter in ihrer Wut. Und plötzlich steht Gisèle Pelicot am Pariser Gare de Lyon, ohne zu wissen, was sie dort sucht. „Meine Kinder kehrten in ihre Leben zurück, doch ich hatte keines mehr.“
Nun ergreift die 73-Jährige mit ihren Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ ausführlich selbst das Wort. Auf 256 Seiten beschreibt Pelicot im Piper Verlag, wie die kaum fassbaren Taten ihres Mannes die Familie zermürben und auseinandertreiben lassen. Gleichzeitig erzählt sie beinahe poetisch vom blühenden Oleander, von langen Spaziergängen am Strand und vom Versuch, sich auf der französischen Île de Ré eine neue Normalität zu schaffen.
Die schwierige Gleichzeitigkeit der Dinge
Behutsam und dennoch eindrücklich erzählt Pelicot gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Judith Perrignon ihre Lebensgeschichte. Vom Aufwachsen in Reutlingen, dem oft abwesenden Soldatenvater, dem frühen Tod der Mutter und dem Kennenlernen ihres späteren Mannes. Pelicot gewährt enorm tiefe Einblicke, wenn sie von Geldnöten oder Affären berichtet, doch nun ist sie diejenige, die das Narrativ bestimmt.
Immer wieder klingt in Pelicots Memoiren die schwierige Gleichzeitigkeit der Dinge an. „Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer“, schreibt sie etwa und erzählt: „Ich zerteilte Dominique in zwei Hälften, so wie ich mich vom vergewaltigten Körper dissoziierte.“
Der Prozess und der Wunsch nach Gerechtigkeit
Während die Taten von Dominique Pelicot in der französischen Lokalpresse schon seit Längerem Schlagzeilen machen, wird die Welt erst mit Beginn des Prozesses gegen ihn und 50 Mitangeklagte im September 2024 auf das aufmerksam, was diese Männer Gisèle Pelicot angetan haben. Eigentlich hatte Pelicot ihr Leid nicht zur Schau stellen wollen. Doch mehrere Monate vor Prozessbeginn fragt sie sich, ob die verschlossenen Türen nicht vielmehr die Täter schützen würden als sie.
In einem ungewöhnlichen Schritt entschied Pelicot sich damals, den Prozess vor der Öffentlichkeit führen zu lassen. „Ich fürchtete mich nicht mehr vor den Blicken anderer, fürchtete mich nicht mehr davor, dass die Leute Bescheid wussten“, beschreibt sie ihre Gedanken. „Alle Welt sollte auf die einundfünfzig Vergewaltiger schauen. Sie mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht.“
Die Suche nach Antworten und ein bevorstehender Abschied
Pelicot erzählt von den zermürbenden Prozessmonaten in Avignon, wo sie sich einer „Armee von Strafverteidigern“ gegenübersieht, aber auch auf eine Menschenmenge trifft, die ihr beisteht. Am Ende erhält ihr Ex vor Gericht lebenslang. Auch alle anderen 50 Männer werden schuldig gesprochen.
Einen Namen für den Mann zu finden, den sie geliebt und der sie schwerst missbraucht hat, fällt Pelicot schwer. Im Buch nennt sie ihn schlicht beim Vornamen, Dominique. Nun, da der Prozess hinter ihr liegt, will sie ihn im Gefängnis besuchen. „Es muss sein“, schreibt sie. Denn noch immer hat sie viele offene Fragen. „Dieser Besuch wird kein Geschenk sein, kein Zeichen von Schwäche, es wird ein Abschied werden, eine unverzichtbare Etappe meines Neuanfangs.“
Am Ende steht die Zuversicht
„Diese Geschichte gehört nicht mehr nur mir allein“, schreibt Pelicot, berichtet, wie sie zur Heldin und Märtyrerin geworden ist, sich selbst aber keineswegs als Ikone betrachtet. Immer wieder wird in ihren Worten deutlich, dass sie als mehr gesehen werden will als das Opfer von Vergewaltigung und Missbrauch. „Man würde mich niemals auf diesen geschundenen Körper reduzieren“, verfügt sie.
Trotz der Qualen, die Pelicot durchlitten hat, endet sie mit einem Bekenntnis zur Liebe und zum Leben. Man könne aus seiner eigenen Asche wiedergeboren werden. „Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin.“ Ihre Memoiren sind nicht nur eine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern vor allem ein Zeugnis der Hoffnung und der menschlichen Widerstandskraft.



