Rostocker Modedesignerin geht ihren eigenen Weg zwischen Feminismus und Nachhaltigkeit
In der Rostocker Kreativszene hat sich Bentje Lehmann mit ihrem Label Bentje Designs einen besonderen Platz erobert. Die 35-jährige Modedesignerin und Unternehmerin verbindet feministische Statements, handwerkliche Tradition und ökologische Verantwortung zu einem einzigartigen Konzept, das bewusst alternative Wege beschreitet.
Ungewöhnliche Motive als modische Botschaft
Lehmanns Kollektionen fallen durch außergewöhnliche Druckmotive auf, die gezielt weibliche Themen in den Fokus rücken. Eine subtil in eine Apfel-Illustration integrierte Vulva, Stinkefinger-Aufdrucke oder ein Brust-Gebirge als T-Shirt-Motiv – diese Designs sprechen ein spezielles Publikum an und lösen mitunter auch Unverständnis aus. „Die meisten Männer verstehen es gar nicht, und manche ältere Dame mag zwar das Apfelmotiv, erkennt aber die Vulva darin nicht“, berichtet die Designerin von ihren Erfahrungen auf Märkten wie der Hanse Sail.
Doch genau darum geht es der Rostockerin: Ihre Mode ist bewusstes Statement, das Themen wie Brustkrebsvorsorge, weibliche Wut und feministische Anliegen transportiert. „Wer das nicht mag, muss es ja nicht tragen“, sagt sie entspannt. Für sie steht die Authentizität im Vordergrund, nicht die Massentauglichkeit.
Vom Postauto zur mobilen Näh-Stube
Bereits während ihrer Schulzeit am Rostocker Käthe-Kollwitz-Gymnasium wusste Lehmann, dass Modedesign ihre Berufung ist. Nach Stationen in Amsterdam und Berlin kehrte sie 2017 in ihre Heimatstadt zurück – eigentlich nur für den Führerschein, wie sie scherzt. Doch sie blieb und startete ihr Label.
Ein besonderes Projekt war die Umrüstung eines alten Postautos zur mobilen Näh-Stube, mit der sie Menschen in Stadtteilen wie Lütten Klein oder Toitenwinkel das Nähen näherbrachte. Auch wenn die Projektförderung inzwischen ausgelaufen ist, bietet sie weiterhin Nähkurse in ihrem Atelier im Kreativquartier Warnow Valley an. „Die Leute kommen oft und sagen, sie hätten zwei linke Hände“, erzählt Lehmann. „Aber nach drei Stunden gehen sie mit einer selbst genähten Tasche und einem Strahlen im Gesicht nach Hause.“
Nachhaltigkeit als unternehmerisches Prinzip
Für die Mutter eines Sohnes bedeutet Nachhaltigkeit mehr als nur ökologische Materialien. Es geht um Wertschätzung für Handwerk und Individualität. „Die Menschen würden ein selbst gefertigtes, individualisiertes Kleidungsstück bestimmt nicht so schnell wegwerfen, wie ein Zwei-Euro-Shirt von der Stange“, betont sie.
Ihre beliebten Moon Bags lässt sie von der lokalen Näherei Hey Naht zuschneiden und verarbeiten. Die anfallenden Schnittreste erhält sie zurück und verwertet sie weiter – sei es in Nähkursen oder für die Herstellung kleiner Unikate und Portemonnaies. Selbst die Entscheidung, ihre Druckmotive auch als Bügelbilder anzubieten, folgt diesem Prinzip: „Wieso soll jeder immer ein neues Shirt kaufen?“
Balance zwischen Kreativität und Alltag
Was als persönliches Projekt begann, ist heute ein etabliertes Label in Rostock und online. Lehmann managt alles selbst – von Instagram-Posts über Buchhaltung bis zum Versand. „Mein Tag dürfte gern doppelt so lang sein“, lacht sie. Geplant sind eine eigene Website neben dem Etsy-Shop, eine neue limitierte Kollektion und weitere Druck-Designs.
Doch genauso wichtig ist ihr die Balance zwischen Beruf und Privatleben. Bald plant sie mit Partner und Sohn eine dreimonatige Reise nach Sri Lanka und Malaysia. Diese Auszeit gehört für sie ebenso dazu wie ihre Rollen als Mutter, Unternehmerin, Aktivistin und Partnerin. „Ich liebe, was ich tue, wie ich es tue, und gehe immer noch jeden Tag gern zur Arbeit“, resümiert die Designerin, die bewusst auf das ökonomische Hamsterrad verzichtet und stattdessen auf unabhängige Kreativität setzt.



