Ein Künstler kann sein Publikum kaum umfassender ignorieren als Eric Clapton an diesem Abend in der Münchner Olympiahalle. Beim Betreten der Bühne schaut er es nicht an, beim ersten Abgang nach „Cocaine“ ebenfalls nicht, dazwischen sagt er lediglich „Danke und guten Abend“ und nennt die Namen dreier Solisten – das war es. Doch wirklich interessant wird es nach der Zugabe: Da redet er auf der Bühne erst mit Gitarrist Doyle Bramhall II, verbeugt sich kurz mit seinen Musikern und plaudert dann mit Organist Tim Carmon weiter. Ein Stimmungsschub geht durchs Publikum: Geht es nach dem kurzen Rausschmeißer „Before You Accuse Me“ doch noch weiter? Besprechen die beiden eine weitere Zugabe? Nein, sie unterhalten sich einfach, als ob die Zuschauer gar nicht da wären. Dann geht Clapton ab, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er winkt noch einmal kurz, schaut aber geradeaus in Richtung Bühnenausgang und dreht sich nicht mehr um.
Kommunikation nur mit Musikern und Verstorbenen
Der 81-Jährige kommuniziert an diesem Abend nur mit seinesgleichen: mit seinen hervorragenden Musikern und mit seinem verstorbenen Freund George Harrison. Den grüßt er erst mit dem Eröffnungssong „Badge“, den sie 1969 gemeinsam geschrieben haben, und dann mit der Abspannmusik, dem Beatles-Lied „Here Comes The Sun“, das George in seinem Garten komponierte. Die Zuschauer dürfen all dem unbeachtet beiwohnen – und können darüber doch außerordentlich froh sein. Denn Eric Claptons Gitarrenspiel ist weiterhin ein Ereignis.
Gesundheitliche Probleme, aber ungebrochene Ausstrahlung
Clapton kann nicht mehr wie früher spielen, er selbst sprach vor einiger Zeit von gesundheitlichen Problemen. Bei „Badge“ tastet er sich vorsichtig in sein Solo, später spielt er ein paar falsche Noten und nimmt auch einmal eine falsche Abzweigung. Als bei „Little Queen Of Spades“ vor dem Schlussteil die Tonart wechselt, verliert er die Orientierung, probiert verschiedene falsche Noten, bis er wieder in die Spur findet. Schnelle Läufe wie früher spielt er gar nicht mehr. Dennoch hat das Spiel von „Slowhand“ weiterhin etwas Majestätisches. Mal genügt ein einfaches Lick, mal eine kraftvoll gezogene Saite, um eine gewaltige Energie durch die Halle zu schicken und die Dynamik der Band auf ein anderes Level zu heben. Das Feeling in seinen Händen ist noch immer fantastisch. Schönere, gefühlvollere Blue Notes als Claptons Flageolett-Töne zu Beginn von Robert Johnsons „Little Queen Of Spades“ kann man nicht spielen.
Raum für Mitspieler und emotionale Höhepunkte
Der Mann, der in den Sechzigern in einer Londoner Wandschmiererei zum „Gott“ ernannt wurde, lässt aber auch seinen irdischen Kollegen viel Raum. Sowohl Organist Tim Carmon als auch der legendäre Pianist Chris Stainton glänzen. Der spielt bei „Little Queen Of Spades“ zwölf Takte lang melodiöse, romantische Moll-Motive – und als die Band dann wieder ins Dur wechselt, entfalten seine Blue Notes umso mehr Kraft. Doch das letzte Solo spielt Clapton fast immer selbst – danach ist keine emotionale Steigerung mehr möglich.
Beim vierten Song „I Shot The Sheriff“ treffen seine Töne erstmals mitten ins Herz. Dann folgt der äußerst leise akustische Teil: Die spartanische Solonummer „Kind Hearted Woman Blues“ klingt wundervoll, „Nobody Knows You When You’re Down And Out“ gediegen-unaufregend, „Golden Ring“ recht fad.
„Layla“ und „Tears In Heaven“: Leise Töne, große Wirkung
Bei „Layla“ will das Publikum mitklatschen, lässt es dann aber bleiben, vielleicht weil es die stecknadelleise Band sonst übertönt. Doyle Bramhall erzeugt mit seiner verzerrten, aber dezenten E-Gitarre einen fast Sitar-artigen Klang, und bei „Tears In Heaven“ holt Chris Stainton einen ähnlichen Sound aus seinem Synthie: ein kleiner Abstecher vom Old-School-Wohlklang des Abends. Als sich Clapton dann wieder seine schwarze Stratocaster umhängt, kommt der Höhepunkt des Abends: Bei „Old Love“ erstrahlt sein Spiel in besonders hellem Glanz. „Crossroads“ rockt bestens, und je länger die Show dauert, desto voller wird auch Claptons oft unterschätzte Stimme: Sie hat nicht mehr das Volumen wie in den Neunzigern, klingt aber immer noch gut. Für zusätzliche Power sorgen die Background-Sängerinnen Katie Kissoon und Sharon White.
Fazit: Faszinierende Momente trotz Distanz
So hat der Abend faszinierende Momente, und die 9000 Besucher danken am Ende mit Standing Ovations. Doch macht es Clapton auch Spaß? Während des gesamten Sets verzieht er keine Miene, aber bei der kurzen Zugabe „Before You Accuse Me“ lächelt er – nicht in Richtung Zuschauer, sondern in Richtung seiner Band.



