Kritik an Elgars Oratorium: 'The Dream of Gerontius' in der Isarphilharmonie
Unser Rezensent warnt ausdrücklich vor Risiken und Nebenwirkungen beim Besuch des Oratoriums 'The Dream of Gerontius' von Edward Elgar, das im Juni auch mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu hören sein wird. Die Aufführung mit den Münchner Philharmonikern in der Isarphilharmonie am 8. März 2026 bot eine Mischung aus technischer Perfektion und künstlerischer Langatmigkeit.
Ein Werk zwischen Frömmigkeit und Monotonie
Das Oratorium basiert auf einer Dichtung des zum Katholizismus konvertierten Anglikaners Henry Kardinal Newman und schildert den Aufstieg der Seele in den Himmel nach dem Tod eines alten Mannes namens Gerontius. In der Fastenzeit passt dieses kalorien- und zuckerhaltige Werk laut Kritikern wie die Faust aufs Auge, doch es fehlt an Kontrasten. Während Richard Strauss das Thema 'Tod und Verklärung' in 30 Minuten erschöpfend behandelt hat, schleppt sich Elgars Musik über eineinhalb Stunden dahin.
George Bernard Shaw und Edward Elgar waren Zeitgenossen, doch hier zeigt sich ein Werk, das in viktorianischer Tradition gefangen bleibt. Dämonen sorgen zwar für eine gewisse Auflockerung, aber Elgar übt sich unverständlicherweise bei diesen Chören in der Kunst der Fuge, was die Dynamik beeinträchtigt.
Vorzügliche Aufführung trotz inhaltlicher Schwächen
Gegen die Aufführung selbst war nichts einzuwenden. Der warme, runde Klang der Philharmoniker mischte sich perfekt mit dem von Andreas Herrmann einstudierten Philharmonischen Chor, der auch im Fortissimo nie forciert wirkte. Die Solisten überzeugten:
- Die Mezzosopranistin Beth Taylor überraschte mit opulentem, reichen Gesang.
- David Butt Philip meisterte die anspruchsvolle Tenorpartie mit Geschmack.
- Der Bariton Andrew Foster-Williams beeindruckte mit kraftvoller Darbietung.
Dirigent Andrew Manze hielt den Apparat perfekt zusammen und bemühte sich um zügige Tempi sowie maximale Transparenz. Dennoch mündet das Werk in ein sehr banales C-Dur-Fortissimo, das eine Besucherin fälschlicherweise als Schluss interpretierte und ein vorzeitiges 'Bravo' rief.
Notfall und Abbruch der Vorstellung
Am Samstag ereignete sich etwa eine Viertelstunde vor Schluss ein medizinischer Notfall. Da die betroffene Person nahe dem Chorbalken über dem Orchesterpodium saß, war eine Unterbrechung unvermeidlich. Angesichts der allgemeinen Unruhe entschied sich das Management für einen Abbruch der Aufführung. Die Person befindet sich dem Vernehmen nach auf dem Weg der Besserung und soll wohlauf sein.
Warnung vor grenzenloser Erbaulichkeit
Simon Rattle, der das Werk im Juni im Herkulessaal und in Ottobeuren dirigieren wird, schwärmte davon, doch unser Rezensent bleibt skeptisch. Wenn Sie im Juni nach einer gefühlten Stunde Erbaulichkeit auf die Uhr schauen und feststellen, dass erst zehn Minuten vergangen sind, geben Sie uns bitte nicht die Schuld: Wir haben Sie ausdrücklich vor Edward Elgars 'The Dream of Gerontius' gewarnt.
Die Aufführung war vorzüglich, aber das Werk selbst bleibt ein Weichspülwaschgang im Fegefeuer – musikalisch angepappt und ohne Wagners meisterhafte Kunst des Übergangs. Weitere Termine:
- Herkulessaal, 18. und 19. Juni, 20 Uhr, Karten ab 14. April bei BR Ticket.
- Gastkonzert in der Basilika von Ottobeuren am 21. Juni um 15 Uhr.



