Michael Mittermeier: Wer über Tabus klagt, soll Bäcker werden
Der Comedian Michael Mittermeier hat deutliche Worte für Branchenkollegen, die seiner Ansicht nach unnötig über vermeintliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit in der Kunst klagen. In einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung äußerte sich der 60-Jährige unmissverständlich: „Ich sage den Künstlern, die sich auf die Bühne stellen und sich beschweren, sie dürften nichts mehr sagen: Fahr nach Hause, heul dich bei deiner Mama aus und werde Bäcker, aber in der Comedy hast du definitiv den falschen Job“, so Mittermeier, ohne dabei konkrete Namen zu nennen.
Die ominöse Liste der verbotenen Wörter
Mittermeier hinterfragt kritisch die Argumentation seiner Kollegen. Er berichtet, dass er diese Menschen stets nach einer „ominösen Liste der angeblich verbotenen Wörter“ frage, jedoch bisher von keinem eine solche Liste erhalten habe. „Die meisten Menschen, die sich darüber aufregen, dass sie etwa das N-Wort nicht mehr benutzen sollen, haben es vorher nie gebraucht. Aber jetzt, wo klar ist, dass es eine miese Beleidigung ist, wollen sie es unbedingt sagen“, erklärt der Comedian. Mit dem Begriff „N-Wort“ wird heute eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben, was Mittermeier als Beispiel für notwendige sprachliche Sensibilität anführt.
25 Jahre Schmerzen auf der Bühne
Parallel zu seiner Kritik an Tabu-Debatten blickt Mittermeier auf seine eigene, oft schmerzhafte Bühnenkarriere zurück. Derzeit feiert er sein 40-jähriges Bühnenjubiläum und berichtet, dass er 25 Jahre lang keinen einzigen Tag ohne Schmerzen auf der Bühne gestanden habe. „Ich hatte damals einen völlig falsch verstandenen Ehrenkodex, eine klassische Zirkuspferd-Mentalität“, gesteht der gebürtige Oberbayer. Er sei mit Schmerzen aufgewacht und mit Schmerzen eingeschlafen; nur die „unglaubliche Live-Energie“ habe ihn immer wieder weitermachen lassen.
Ein extremes Beispiel für seine Leidensfähigkeit: Einmal trat er mit einem zerschmetterten Schlüsselbein auf. Nur drei Tage nach der Operation winkte er bei seinem ersten Auftritt in der Sendung „Wetten, dass...?“ lächelnd in die Kamera. „Heute weiß ich, dass ich mir ein paar Dinge hätte sparen können“, reflektiert Mittermeier heute. „Erst durch viel Therapie waren die letzten sechs Jahre meine besten der vergangenen 30 Jahre.“
Bühne als Therapie in dunklen Zeiten
Dennoch betont Mittermeier die heilende Kraft der Bühne. „Das Leben auf der Bühne hat mich durch extrem dunkle Zeiten getragen“, sagt er. Er und seine Frau erlitten vier Totgeburten, was ihn tief traf. „An sehr schweren Tagen starrte ich nur auf die Wand, wusste nicht mehr weiter. Aber ich wusste auch: Um 20.00 Uhr gehe ich auf die Bühne. Die Energie der Menschen hat mir unglaublich geholfen. Die Bühne war für mich pure Verarbeitung“, erklärt der Comedian. Allerdings fügt er hinzu: „Körperlich hat es mich aber kaputt gemacht.“
Mittermeiers Aussagen verdeutlichen somit eine komplexe Balance zwischen künstlerischem Anspruch, persönlichem Leid und gesellschaftlicher Verantwortung. Während er Tabu-Debatten als Ausrede für mangelnde Kreativität kritisiert, zeigt sein eigenes Leben, wie die Bühne sowohl zerstörerisch als auch rettend sein kann.



