Vor dem Singen kommt das Einsingen. In der Alten Webasto-Gießerei in Neubrandenburg stehen Dutzende Sängerinnen und Sänger im Halbkreis. Konzentriert blubbern sie mit Strohhalmen in Wasserflaschen, um die Stimmmuskulatur aufzuwärmen. Dann wird zweieinhalb Stunden intensiv geprobt. Das Ziel der Frauen und Männer vom Volkschor Neubrandenburg: das große Jubiläums-Sommerkonzert im Juli unter dem Motto „Die Welt braucht Lieder“ – angelehnt an den bekannten Udo-Jürgens-Song.
Jubiläumskonzert startet mit Udo Jürgens
„Deine Stimme erheben und singen, ehe uns Hören und Sehen vergeht, Gegensätze in Einklang zu bringen, in einer Sprache, die jeder versteht“ – so heißt es im Refrain des Liedes, das der Volkschor zu Beginn des Konzerts am 5. Juli im Haus der Kultur und Bildung singen wird. Ihre Stimmen erheben: Das praktizieren sie hier schon seit 65 Jahren, seit am 14. Dezember 1961 der Vorgänger FDGB-Chor Neubrandenburg gegründet wurde.
Probenatmosphäre: entspannt und familiär
In der Probe geht es entspannt und familiär zu. Zwischen Sopran und Bass sitzen Studentinnen und Rentner. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis Mitte 80, einige sind schon mehr als 50 Jahre dabei. Mehr als 100 Mitglieder hat der Chorverein derzeit. „Mit Ausnahme der Schulchöre sind wir der größte Laienchor der Stadt“, sagt Marion Müller, die stellvertretende Vereinsvorsitzende. Sie ist seit 2021 im Volkschor und schätzt vor allem die Atmosphäre: „Man fühlt sich gleich gut aufgehoben.“
Programm von Barock bis Grönemeyer
Das liegt auch an Holger Wuschke Dings. Der 35-jährige Pädagoge – seine Fächer sind Mathematik und Geschichte – leitet den Volkschor seit 2022. Mit 17 hat er hier gesungen, später begleitet, heute gibt er den Ton an. Seine Handschrift: ein breiteres Repertoire, mehr Schlager und Pop, mehr Experimente. „Wir wollen uns nicht zu sehr abgrenzen“, sagt er. Kooperationen mit anderen Chören sind deshalb keine Seltenheit. Der Instagram-Kanal „Volkschor NB“ informiert knapp 600 Follower über die Aktivitäten. Neben Mendelssohn-Bartholdy oder Liedern aus dem Barock stehen plötzlich „Skandal im Sperrbezirk“, „Wunder geschehen“ von Nena oder ein Grönemeyer-Klassiker fest im Programm.
Auch beim Jubiläumskonzert wird diese Bandbreite hörbar sein. Ein Streifzug durch die Jahrzehnte, von den Comedian Harmonists bis zu Udo Jürgens. Dazu kommen Gäste: der befreundete Chor Quod Libet aus Waren, die Schülerband „Newborn, fancy and Gentles“ aus Friedland, die Klavierbegleitung stammt von Pianist Arkadiusz Godzinski. Und immer wieder Momente, in denen auch das Publikum gefragt ist: „Die Leute sollen und dürfen mitsingen“, sagt der Chorleiter, „das gehört bei unseren Auftritten dazu.“
Chor wird wieder jünger
Diese Offenheit scheint zu wirken. Mehr als 60 Neueintritte gab es beim Volkschor in den vergangenen Jahren, aktuell gibt es eine Warteliste. „Männerstimmen sind aber immer willkommen“, sagt Marion Müller, Bass und Tenor sind auch beim Volkschor in der Minderheit. Das gilt dagegen nicht für Sängerinnen und Sänger unter 50: „Wir werden wieder jünger“, stellt Holger Wuschke Dings fest – und es ist ein Satz, den man in der Chorszene nicht so häufig hört.
Stetiger Kampf um Fördermittel
Dennoch läuft auch hier nicht alles rund. Wie viele Kulturvereine ist auch der Volkschor auf Spenden und Fördermittel angewiesen, der Mitgliedsbeitrag von fünf Euro im Monat deckt nur einen Bruchteil der Ausgaben. „Den Chor soll sich jeder leisten können“, sagt der Chorleiter, gleichzeitig werde es immer schwieriger, Reisen, Unterkünfte oder Gastauftritte zu finanzieren. Auch Künstler sollten angemessen unterstützt werden, finden sie hier – obwohl sie natürlich auch von den schrumpfenden Geldtöpfen wissen, aus denen sich Schulen, Sozialarbeit, Kultur und Sport bedienen müssen. Es ist der etwas stillere Gegensatz dieses Jubiläums: ein Chor, der funktioniert, und ein Fördersystem, das ihn zunehmend weniger trägt.
Mitglieder schätzen den Chor als Kraftspender
Für die Mitglieder zählt trotzdem etwas anderes. Zum Beispiel Uschi Herpich: Sie probt an diesem Abend mit, steht aber mit ihren mehr als 80 Jahren nicht mehr auf der Bühne. Aufhören kommt für sie trotzdem nicht infrage. „Ich brauche das einfach“, sagt sie, „mein Vater war Chorleiter, und ich habe immer gesungen“. Früher sei der Chor älter gewesen, erinnert sie sich, und auch kleiner, „heute hat er einen noch schöneren Klang.“ Pop sei zwar nicht so ihr Ding, sagt Uschi Herpich, aber das neue, breitere Repertoire sei für sie Herausforderung und Motivation.
Der Volkschor sei ein Kraftspender, formuliert es Marion Müller, bevor auch sie zur Probe geht: „Er ist eine Blase, wo man mal alles vergessen kann.“ Und damit das auch künftig so bleibt, braucht es beides, sagt Chorleiter Holger Wuschke Dings: Kontinuität – und die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden.
Das sommerliche Jubiläumskonzert „Die Welt braucht Lieder“ zu 65 Jahren Volkschor Neubrandenburg findet am Sonnabend, 5. Juli, ab 15 Uhr im Haus der Kultur und Bildung statt. Karten gibt es beim Ticketservice im HKB oder online bei Eventim.



