Deutsche Tanzkompanie vollendet Elemente-Zyklus mit gefeierter Uraufführung „Erde“ in Neustrelitz
Wer wagt, gewinnt – dieses Sprichwort hat die Deutsche Tanzkompanie mit ihrem ambitionierten Projekt „Zyklus der Elemente“ eindrucksvoll bestätigt. Nach den erfolgreichen Produktionen „Feuer“, „Wasser“ und „Luft“ fand der vierteilige Zyklus nun seinen fulminanten Abschluss mit der Uraufführung von „Erde“ im ausverkauften Neustrelitzer Theater. Das Publikum feierte die Vorstellung mit fast zehnminütigem, frenetischem Beifall, der von Bravo-Rufen und Begeisterungspfiffen begleitet wurde.
Ein kühnes Projekt mit doppelter Interpretation
Bereits die Konzeption des gesamten Zyklus war ein mutiges Unterfangen, bei dem jährlich eine neue Uraufführung realisiert wurde. Für das Finale „Erde“ ging die Tanzkompanie noch einen Schritt weiter und lud gleich zwei sehr unterschiedliche Choreografen ein, ihre jeweilige Interpretation des Elements zu präsentieren. Entstanden ist ein „Tanzepos in zwei Akten“, dessen beide Teile zwar unabhängig voneinander entwickelt wurden, sich jedoch auf faszinierende Weise ergänzen.
Die in Kanada lebende Brasilianerin Monica Proença Mazzotti und der aus Russland stammende Emil Faski schufen zwei kontrastreiche Werke, die dem Publikum unterschiedliche Tanz-, Bild- und Sound-Sprachen präsentieren. Die eigens komponierte Musik stammt vom französisch-spanischen Soundschöpfer Jean Philippe Barrios alias Lacrymoboy und dem jungen russischen Komponisten Vladislav Fedorov.
Monica Proença Mazzottis poetische Erdentstehung
Im ersten Teil ihrer Choreografie setzt Monica Proença Mazzotti die Entstehung der Erde als Geburt eines lebenden Organismus in Szene. Ein kreisendes Vielerlei im All beschleunigt sich, verdichtet sich, ballt sich zusammen und beginnt schließlich zu atmen. Auf dieses kraftvolle Eröffnungskapitel folgen gefühlvolle Duette, die von Harmonie und Sinnlichkeit erfüllt sind und dem zyklischen Kreislauf des Lebens immer neue Impulse verleihen.
Die verschiedenen Jahreszeiten werden durch zahlreiche schöne tänzerische Figuren dargestellt und durch Axel Rothes Gänsehaut erzeugende Rezitation von Rilkes „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ verbunden. Doch die Stimmung schlägt im unausweichlichen Wechselbad der Gefühle um in Bedrohung und Zerstörung, manifestiert in roher Kraft der Musik sowie Rissen und Brüchen der Bewegung. Diese Ästhetik der Apokalypse muss jedoch nicht das Ende bedeuten, wie die von Choreografin und Tänzern gemeinsam entwickelten Soli verheißen.
Emil Faskis schonungslose Gesellschaftskritik
In Emil Faskis Interpretation ist Bedrohung von Anfang an der Kern irdischen Seins. Unter einem fließenden Tuch kämpft sich das Leben ins Dasein – ein stetiger Kampf, in dem aus Selbsterhaltung immer mehr Gier, Trieb und Hunger auf Macht erwächst. Zwar gibt es auch Szenen voller Leichtigkeit, Lebensfreude und gedeihlichem Wachstum, doch ebenso und mehr noch erzählt diese „Erde“ erschütternde Geschichten vom Herrschen, Gehorsam und Sterben.
Der Choreograf entwirft ein Tableau von Menschen, die einander begegnen, sich manchmal finden, doch nur für einen Moment, bis sie einander verlassen oder fortstoßen. „Menschliches Tun ist keine romantische Geschichte, nicht im Umgang miteinander und schon gar nicht mit der Erde“, stellt Faski schonungslos fest. In einer bildhaften Metapher zeigt er das Ganz-Oben-Sein-Wollen und das Über-Leichen-Gehen – um den Preis, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Hoffnungsschimmer und künstlerische Exzellenz
Trotz der düsteren Themen entlässt auch Emil Faski die Zuschauer nicht ohne Hoffnung auf ein Zur-Besinnung-Kommen und einen neuen Versuch. Diese Hoffnung verbindet beide Teile des von Felix Erdmann dramaturgisch begleiteten Epos, ebenso wie die Wirkungskraft der parallel zu den Choreografien entwickelten Musik.
Die Tanzkompanie überzeugt gleichermaßen mit eindrucksvoller Kraft in den Ensemble-Szenen wie mit individuellem Können in Duetten und Soli. Das mit wenigen markanten Elementen auskommende Bühnenbild von Axel Rothe und Nicola Clarissa Gehrings Kostümgestaltung – von schlichten Nude-Trikots bis hin zu stimmigen Tribal-Accessoires – stammen erneut aus dem eigenen Haus der Kompanie und tragen wesentlich zur Gesamtwirkung bei.
Weitere Aufführungen und Publikumsdialog
„Der Zyklus der Elemente: Erde“ wird am 25. April und 2. Mai im Schauspielhaus Neubrandenburg sowie am 29. Mai erneut im Landestheater Neustrelitz aufgeführt. Bereits am 9. Mai ist die Deutsche Tanzkompanie mit „Luft“ zu Gast im Ernst-Barlach-Theater Güstrow.
Die Tanzkompanie geht mit einer Zuschauerbefragung noch einmal ein Wagnis ein und riskiert dabei, dass das Publikum ein „fünftes Element“ fordert. Doch auch andere Ideen und Wünsche können dabei übermittelt werden – ein Zeichen für den fortwährenden Dialog zwischen Künstlern und Publikum, der diese ambitionierte Produktionsreihe von Beginn an geprägt hat.



