Friedensphase stellt iranisches Regime vor größere Herausforderungen als Krieg
Die aktuelle Waffenruhe könnte für das iranische Mullah-Regime weitaus gefährlicher werden als die vorangegangenen Kriegshandlungen. Diese Einschätzung vertritt der iranischstämmige Ex-FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai, der über ausgezeichnete Kontakte in den Iran verfügt. Der erfahrene Außenpolitiker spricht von deutlichen „Rissen“ im Herrschaftssystem der Mullahs und widerspricht damit zahlreichen Analysten, die das Regime als Gewinner des Konflikts betrachten.
Zeit ohne Bombenangriffe wird zur Bewährungsprobe
„Die zwei Wochen Pause werden für die Islamische Republik weitaus komplizierter und komplexer sein als für die andere Seite“, erklärte Djir-Sarai im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer. „Die Zeit ohne Bomben von außen, ohne Luftangriffe wird weitaus schwieriger werden.“ Die zentrale Herausforderung für das Regime bestehe darin, zunächst einmal nachweisen zu müssen, dass die Strukturen des Systems weiterhin intakt sind. Genau diese Kontinuität sei jedoch alles andere als gewiss.
Gesundheitszustand des neuen Ober-Führers unklar
Das Problem beginne bereits bei Modschtaba Chamenei, dem neuen Ober-Führer der Mullahs, der nach der Tötung seines Vaters als Nachfolger bestimmt wurde. „Die islamische Republik muss in den nächsten Tagen den Führer, den religiösen Führer, präsentieren“, so Djir-Sarai. „Das erwarten auch seine Anhänger.“ Doch genau dies sei seiner Meinung nach „nicht möglich“, weil Chamenei entweder nicht mehr lebe oder gesundheitlich nicht in der Lage sei, die Rolle als Anführer der Islamischen Republik zu übernehmen.
Tatsächlich gibt es vom Chamenei-Sohn seit Kriegsbeginn keinerlei Lebenszeichen. Berichten zufolge soll er bei einem Angriff verwundet worden sein, doch Fotos oder Videos, die seinen aktuellen Zustand dokumentieren, existieren nicht. Sollte der neue Führer in den kommenden Tagen nicht öffentlich in Erscheinung treten, stehe das Regime vor einem gewaltigen Legitimationsproblem.
Interne Machtzersplitterung droht
Djir-Sarai sagt eine interne Zersplitterung der Macht voraus: „In dem Moment, in dem auch Gewissheit existiert, dass die politische Führung nicht gegeben ist, wird es hochinteressant zu sehen: Wo sind eigentlich die Machtfaktoren innerhalb dieses Systems?“ Sein Eindruck sei, dass es bereits jetzt unterschiedliche Machtfaktoren gebe – quasi Insellösungen innerhalb der Islamischen Republik, die durchaus unterschiedliche Interessen verfolgten.
Verluste an Führungspersonal schwächen System
Auch die Tötung zahlreicher führender Regime-Vertreter durch die USA und Israel werde das iranische Machtsystem in der Friedensphase stärker belasten als während des Krieges, ist der langjährige Außenpolitiker überzeugt: „Die Islamische Republik hat immer viele Köpfe gehabt, aber viele relevante Köpfe sind jetzt abgeschlagen oder ausgeschaltet worden. Und das wird einfach nicht spurlos an so einem System vorbeiziehen.“
Verhandlungen mit USA als unrealistisch eingeschätzt
Djir-Sarai geht nicht davon aus, dass die USA und das iranische Regime sich in den kommenden Wochen auf eine Einigung verständigen können. Die iranischen Forderungen seien dafür zu extrem. „Ich glaube, dass diese Verhandlungen scheitern werden, denn die Punkte, die da stehen, sind einfach in der jetzigen Situation völlig unrealistisch. Die Forderungen, die die Islamische Republik stellt, die sind nicht im Einklang mit der Realität.“
Die kommenden Wochen werden somit zeigen, ob das Mullah-Regime die Herausforderungen der Friedensphase bewältigen kann oder ob die von Djir-Sarai prognostizierten internen Spannungen tatsächlich zu einer Schwächung des Systems führen werden.



