Ein Wal auf Abwegen – diese Geschichte gab es bereits vor fast genau 60 Jahren. Während heute ein Buckelwal vor Poel in der Ostsee für Aufregung sorgt, machte damals ein Belugawal im Rhein Schlagzeilen. Auch damals versuchte man, dem verirrten Tier zu helfen, jedoch mit teils deutlich brachialeren Methoden als heute.
Die Entdeckung des Wals
Am 18. Mai 1966 entdeckten zwei Rheinschiffer bei Duisburg einen weißen Wal im Rhein. Sie alarmierten die Wasserschutzpolizei, die zunächst eine Alkoholprobe bei den Männern anordnete – so berichten es Quellen. Doch der Wal existierte tatsächlich: ein etwa vier Meter langer Belugawal, der eigentlich in der Arktis lebt. Einen Monat lang schwamm er flussaufwärts an Düsseldorf und Köln vorbei bis nach Rolandseck in Rheinland-Pfalz.
Schaulustige am Rhein
Wochenlang strömten Menschen an das Flussufer, um einen Blick auf das arktische Säugetier zu erhaschen. „Hin und wieder sah man, wie er eine Wasserfontäne hochblies“, erinnerte sich ein Zeitzeuge. Als der Wal am Bonner Bundestag vorbeischwamm, leerte sich die Pressetribüne schlagartig. Einmal brachte Moby Dick fast ein Schiff zum Kentern: Als alle Passagiere der „Bismarck“ gleichzeitig an die Reling rannten, bekam das Schiff Schlagseite, und Porzellan sowie Gläser fielen aus den Schränken.
Ursachen und Rettungsversuche
Warum der Beluga in den verschmutzten Rhein gelangte, blieb unklar. Es gab obskure Geschichten, etwa, dass er auf dem Weg zu einem britischen Zoo bei einem Unwetter über Bord gespült wurde. Die Wissenschaft fand nie eine sichere Erklärung. Belugas können zwar in flachen Gewässern leben, aber Hunderte Kilometer flussaufwärts zu schwimmen, ist extrem ungewöhnlich.
Verschiedene Initiativen versuchten, dem Wal zu helfen. Er wurde mit Schiffen verfolgt, mit Netzen und Stangen gelenkt, mit Betäubungsgewehren gestoppt. Es gab die Idee, ihn in den Duisburger Zoo zu bringen. Viele dieser teils brachialen Methoden waren heftig umstritten. Doch alle Versuche scheiterten: Moby Dick schwamm immer wieder auf und ab, fand aber nicht den Weg zurück ins Meer. Dabei verlor er seine weiße Farbe und wurde grau.
Die Flucht in die Freiheit
Erst nach vier Wochen nahm der Wal aus eigener Kraft Kurs auf die Rheinmündung in den Niederlanden und erreichte am 16. Juni 1966 die Nordsee. Dort verliert sich seine Spur. Ob er den Weg zurück in die Arktis fand, ist nicht bekannt.



