Digitale Deutsche Bahn: Die leeren Versprechen des Verkehrsministers
Trotz einer fast einjährigen Vollsperrung wird Deutschlands Top-Strecke zwischen Berlin und Hamburg nicht mit modernster Technik ausgerüstet. Das hat Gründe und Folgen.
Das Zugbeeinflussungssystem ETCS bildet die Basis für die Digitalisierung des deutschen Schienenverkehrs. Doch wo das System künftig eingebaut wird, weiß das Verkehrsministerium nicht.
Papier ist geduldig und alle Theorie bekanntlich grau – so verhält es sich offenbar auch mit Ankündigungen aus dem Bundesverkehrsministerium und Mitteilungen der Deutschen Bahn. Vor knapp zwei Wochen feierte sich Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder in einer Presseerklärung damit, dass sein Haus die Digitalisierung auf der Schiene vorantreibe. „Sowohl bei der Digitalisierung der Schieneninfrastruktur als auch bei der Umrüstung der Züge mit digitaler Technik hat Deutschland Nachholbedarf, der jetzt entschieden angegangen wird“, hieß es dort.
Und weiter: Mit dem Start der „ERTMS-Koordinierungsstelle“ werde ab sofort dafür gesorgt, dass alle erforderlichen Maßnahmen aufeinander abgestimmt und erfolgreich umgesetzt würden. Die Koordinierungsstelle sei Anlaufpunkt für den gesamten Bahnsektor zu Fragen rund um das Thema ERTMS (European Rail Traffic Management System) und ETCS (European Train Control System) und koordiniert die Förderung der Umrüstung der vorhandenen Züge auf die neue Technologie. Das ETCS steuert Züge digital und sorgt für eine höhere Leistungsfähigkeit der Strecke.
Warum fehlt das Zugbeeinflussungssystem ETCS?
Auch die Bahn trommelt seit Monaten auf ihrer Homepage, dass mit der „Generalsanierung Hochleistungsnetz“ die am „stärksten frequentierten Schienenverbindungen mit den störanfälligsten Anlagen in Deutschland“ zum „Stabilitätsanker für die gesamte Infrastruktur“ würden – „vom verlängerten Bahnsteig bis zum digitalen Stellwerk“. Vom „digitalen Bahnbetrieb der Zukunft“ ist die Rede.
Zu dieser vermeintlich generalstabsmäßig geplanten Generalsanierung gehört auch die seit zehn Monaten laufende Modernisierung der Bahnstrecke Berlin-Hamburg. Die Trasse zwischen den beiden größten deutschen Städten wird täglich von 30.000 Fahrgästen genutzt. „Damit ist sie Spitzenreiter unter den Direktverbindungen deutscher Städte“, betont die Bahn. Das große Aber: Ausgerechnet auf einer der wichtigsten deutschen Bahnverbindungen wird das Zugbeeinflussungssystem ETCS nicht eingebaut. Warum?
Berlin-Hamburg: Bald muss wieder saniert werden
Die ernüchternde Antwort aus dem Bundesverkehrsministerium auf eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion lässt vor dem Hintergrund der zuvor geäußerten vollmundigen Ankündigungen aufhorchen: „Während der ersten Korridorsanierung zwischen Frankfurt/Main und Mannheim hat sich laut DB InfraGO gezeigt, dass die Implementierung und Abnahme der Strecke mit konventioneller Zugsicherung PZB (punktförmige Zugbeeinflussung) und ETCS mit Signalen komplex und zeitaufwändig ist. Die DB InfraGO hat sich daher nach Rücksprache mit dem BMV (Bundesverkehrsministerium, d. Red.) entschieden, zwischen Hamburg und Berlin zur Wiederinbetriebnahme nach der Korridorsanierung die konventionellen Zugsicherungssysteme PZB und LZB (linienförmige Zugbeeinflussung) weiter zu nutzen.“
Beim Neubau und der Überarbeitung der Stellwerke habe die Bahn aber darauf geachtet, dass diese Stellwerke kompatibel mit dem zukünftigen Einsatz von ETCS seien. Eine Ausrüstung mit ETCS sei in den frühen 2030er Jahren geplant, wenn auch die Umstellung der auf der Strecke verkehrenden Flotten auf ETCS-fähige Fahrzeuge erfolge. Mit anderen Worten: Nach jetzt monatelanger Vollsperrung wird in wenigen Jahren erneut gebaut und gebuddelt – und die zehntausenden von Bahnkunden müssen wieder stundenlang Ersatzbus fahren.
Doch damit nicht genug der Hiobsbotschaften von Bahn und Verkehrsministerium. Auf die Frage, auf welchen weiteren geplanten Sanierungen von Hochleistungskorridoren der Bahn das ETCS eingebaut werde – und wo nicht, antwortete das Haus von Minister Schnieder nach einwöchiger Bedenkzeit wie folgt: „Laut DB InfraGO befindet sich die ETCS-Ausrüstung der Hochleistungskorridore innerhalb des Konzerns noch in der Abstimmung.“ Das heißt: Obwohl die Sanierungen im Hochleistungsnetz der Bahn bereits seit zwei Jahren laufen und noch mehrere Jahre fortgeführt werden, steht der ETCS-Einbau detailliert immer noch nicht fest. Wie gesagt: Papier ist geduldig und alle Theorie grau.



