Ein Jahr als erster Digitalminister: Karsten Wildberger zieht Bilanz
Seit genau einem Jahr bekleidet Karsten Wildberger (56) das neu geschaffene Amt des Bundesministers für Digitales und Staatsmodernisierung. In einem ausführlichen Interview mit BILD am SONNTAG zieht der Politiker nun eine erste Bilanz seiner anspruchsvollen Tätigkeit. Die Mammutaufgaben Bürokratieabbau und Digitalisierung stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit, wobei der Zeitdruck hoch ist und die Erwartungen enorm.
KI als doppelte Herausforderung: Jobverluste und Wachstumschancen
Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Künstliche Intelligenz, die Wildberger als ambivalente Entwicklung beschreibt. Einerseits helfe sie vielen Menschen, andererseits löse sie bei vielen auch Ängste aus. Der Minister macht deutlich, dass Deutschland im internationalen Vergleich massiv aufholen müsse, da KI vor allem in den USA und China entwickelt werde. „Nicht teilnehmen ist keine Option“, betont Wildberger nachdrücklich.
Konkrete Beispiele für betroffene Arbeitsbereiche nennt der Digitalminister ebenfalls: „Eine KI kann heute unglaublich gut programmieren. Vor ein paar Jahren haben wir gesagt: Jeder muss programmieren lernen. Aber heute werden viele Programmierjobs durch eine KI ergänzt und gegebenenfalls auch ersetzt.“ Auch Callcenter seien betroffen, wo Chatbots zunehmend Anfragen bearbeiten.
Architekten des eigenen Schicksals: Die Zukunft gestalten
Die entscheidende Frage, ob KI in Deutschland mehr Jobs schaffen oder vernichten werde, beantwortet Wildberger mit einem klaren Bekenntnis zur Gestaltungsmöglichkeit: „Das werden WIR beeinflussen. Es hängt davon ab, wie gut wir uns dahinterklemmen.“ KI könne zu Wachstum, neuen Geschäftsmodellen und somit zu Arbeitsplätzen führen. „Da sind wir die Architekten unseres eigenen Schicksals“, formuliert der Minister prägnant.
Diese Haltung unterstreicht Wildbergers Überzeugung, dass Technologie zwar Veränderungen bringe, diese aber aktiv gestaltet werden könnten. Er plädiert für einen ehrlichen Umgang mit den Herausforderungen und betont die Notwendigkeit kontinuierlicher Anpassung.
Bildungssystem im Wandel: Lebenslanges Lernen wird Pflicht
Ein zentraler Aspekt in Wildbergers Überlegungen ist die Bildung. Die Zeiten, in denen man auf einen Job für die nächsten 30 Jahre spekulieren könne, seien vorbei. „Es wird auch darum gehen, die Menschen daran zu führen, dass man immer lernen kann, auch unabhängig vom Alter“, erklärt der Minister. Diese Erkenntnis müsse Teil des Bildungssystems werden und zu einer Kultur des lebenslangen Lernens führen.
Wildberger selbst zeigt sich auch privat als Technikbegeisterter. Auf die Frage nach seiner letzten Nutzung von KI verrät er: „Das war vor diesem Gespräch. Ich habe gefragt, was eine Einstiegsfrage von BILD sein könnte.“ Die Antwort von ChatGPT lautete: „Wann merkt der normale Bürger endlich, dass Deutschland digitaler wird?“ – eine Frage, die den Kern von Wildbergers Mission trifft.
Insgesamt zeichnet der Digitalminister das Bild einer Nation am Scheideweg: Deutschland könne die digitale Transformation entweder aktiv gestalten oder den Anschluss verlieren. Seine Bilanz nach einem Jahr im Amt fällt entsprechend aus: „Aufregend... Es ist viel passiert, wir haben viele auf die Straße gebracht, und es ist natürlich auch eine Herausforderung, wir haben viel zu tun.“ Die Arbeit des ersten Digitalministers bleibt also eine Daueraufgabe mit hohem Tempo und großen Erwartungen.



