Die große Wut auf die Sommerzeit ist doch absurd
Am 29. März 2026 werden die Uhren in Deutschland wieder auf Sommerzeit umgestellt. Wie jedes Jahr im März wird diese Umstellung von lautstarker Kritik begleitet. Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich laut Umfragen die Abschaffung der Zeitumstellung zwischen Sommer- und Winterzeit. Die Begründungen: zu stressig und unpraktisch. Doch bei genauerer Betrachtung erweisen sich diese Argumente als deutlich weniger stichhaltig, als es auf den ersten Blick scheint.
Das persönliche Sommerabend-Ritual
Meine Frau und ich haben im Sommer ein festes Abendritual: Wenn die Kinder im Bett sind und die Küche aufgeräumt ist, setzen wir uns in bequemer Kleidung mit einem kühlen Getränk auf die Terrasse. Dort lauschen wir dem Gesang einer Amsel, die regelmäßig in unserem Garten zu Gast ist. Die tiefstehende Sonne taucht den Garten in jenes besondere Licht, das Amerikaner als "magic hour" bezeichnen - die Zauberstunde.
Es ist nicht besonders originell, den Sommerabend für eine der schönsten Erscheinungen des Jahres zu halten. Abends bis zehn Uhr oder noch länger auf dem Balkon zu entspannen, mit Nachbarn zu grillen oder ohne Stirnlampe eine Runde laufen zu gehen - diese Vorzüge der warmen Jahreszeit liegen auf der Hand. Sommerabende sind für viele Menschen ein Stück Heimat.
Die Argumente der Sommerzeit-Kritiker
Doch diejenigen, die diese Annehmlichkeiten möglichst lange genießen möchten, sind in Deutschland in der Minderheit. Die Argumente gegen die Sommerzeit sind altbekannt, doch ihre offensichtliche Schwäche wird meist einfach hingenommen.
Erstens: Die Zeitumstellung stresse den menschlichen Körper. Hier stellt sich die Frage: Gehen Menschen, die dies so empfinden, nie freitags abends aus und schlafen dann samstags eine Stunde länger? Fliegen sie nie in den Urlaub nach Gran Canaria oder gar nach Kanada? Die Anpassung an Zeitverschiebungen scheint in anderen Lebensbereichen durchaus möglich zu sein.
Zweitens: Die Sommerzeit sei unpraktisch. Die EU-Kommission, die seit Jahren an der Abschaffung der Zeitumstellung arbeitet, drückt es auf ihrer Website so aus: Ohne Zeitumstellung müssten sich Bürger "nicht mehr um die Umstellung ihrer Uhren kümmern". Ausgerechnet die Behörde, die für hyperkomplizierte Vorschriften bekannt ist, traut uns nicht zu, zweimal im Jahr ein Rädchen richtig herumzudrehen.
Die Vorteile der Sommerzeit
Während die Nachteile der Zeitumstellung also überschaubar sind, werden ihre Vorteile oft unterschätzt. Selbst wer kein kaltes Bier unter Amselgesang trinkt oder nicht der typische Sommerabendmensch ist, profitiert von der Sommerzeit.
Wenn wir die Uhr eine Stunde vorstellen, ist es nicht nur abends länger hell, sondern bleibt es auch morgens entsprechend länger dunkel. Im Hochsommer geht die Sonne dank der Sommerzeit nicht schon um halb vier morgens auf, sondern erst um halb fünf. So verschlafen wir weniger kostbare helle Zeit, und das Licht von draußen lässt unseren Schlaf nicht schon mitten in der Nacht oberflächlicher werden, sondern erst am frühen Morgen.
Besondere Vorteile für Familien
In Familien mit kleinen Kindern hat der Übergang zur Sommerzeit sogar einen positiven Nebeneffekt: Zwar hat man in der Nacht der Umstellung eine Stunde weniger Schlaf. Doch Kinder wachen oft früh auf - gerne vor sechs Uhr, auch am Wochenende. Ihre innere Uhr bleibt von der Zeitumstellung unberührt. Die Erwachsenenuhren zeigen ab der Umstellungswoche jedoch nicht mehr kurz vor sechs an, wenn die Kinder aufwachen, sondern kurz vor sieben. Das bedeutet: eine Stunde mehr Schlaf statt weniger!
In einer Zeit, in der jeder dritte Deutsche eine Smartwatch trägt und praktisch jeder ein Smartphone besitzt, scheint die gesamtgesellschaftliche "Verwirrung" über die korrekte Uhrzeit ohnehin auf dem Rückzug zu sein. Die Uhren stellen sich in vielen Fällen automatisch um.
Die Sommerzeit mag nicht perfekt sein, aber die vehemente Kritik an ihr erscheint bei genauerer Betrachtung doch deutlich übertrieben. Vielleicht sollten wir uns einfach öfter die Zeit nehmen, die längeren Sommerabende zu genießen - mit oder ohne Amselgesang.



