Mit verschränkten Armen dreht sich die Angeklagte im Gerichtssaal 2.002 des Landgerichts Rostock auf ihrem Drehstuhl hin und her. Das Gericht gewährt Einblick in die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Rostock, die der 30-Jährigen vorwirft, den achtjährigen Fabian aus Güstrow ermordet zu haben.
Belastende Videoaufnahmen und Handydaten
Ein Video einer Überwachungskamera wird während der Verhandlung abgespielt. Es zeigt den Wagen der Angeklagten binnen weniger Minuten zweimal in der Nähe von Fabians Adresse am Vormittag des 10. Oktober 2025. Laut Auswertungen wurde in diesem Zeitraum das Display von Fabians Handy deaktiviert, nachdem es zuvor permanent aktiv gewesen war. Erst am Nachmittag wurde es wieder eingeschaltet, als seine Mutter nach Hause kam und das Handy, aber nicht den Jungen vorfand.
Zudem wird das Foto eines Waldweges präsentiert, das am Vormittag des mutmaßlichen Tattages mit dem Handy der Angeklagten aufgenommen wurde und ihren Hund zeigt. Die Ermittler geben an, dass sich dieser Weg unweit des späteren Fundortes von Fabians Leiche befindet.
Auffällige Internetrecherchen
Die Angeklagte schweigt vor Gericht zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, den Jungen am 10. Oktober 2025 mit einem Messer getötet zu haben. Das Tatmotiv soll mit dem Ende der mehrjährigen Beziehung zu Fabians Vater zusammenhängen, die dieser im August 2025 beendete.
Den Ermittlungen zufolge wurde mit dem Account der Angeklagten am Tag des Verschwindens frühzeitig nach Begriffen wie „Polizei“ oder „Person vermisst“ gesucht. Dies geschah bereits, bevor Fabians Vater ihr mitteilte, dass sein Sohn vermisst wird. Am Tag nach dem Verschwinden wurde zudem nach „fressen Wildschweine tote Menschen“ gesucht.
Vater zeigt sich überzeugt von Unschuld
Mittlerweile sind der Vater und die Angeklagte wieder ein Paar. Er besucht sie regelmäßig in der Untersuchungshaft und sagt: „Ich glaube an ihre Unschuld.“ Im Gericht werden auch Audionachrichten abgespielt, in denen die Angeklagte einem Bekannten vorschlägt, unter anderem bei Klein Upahl südwestlich von Güstrow nach dem vermissten Jungen zu suchen. Die Leiche wurde schließlich unweit dieses Ortes gefunden, und die Angeklagte meldete den Fund der Polizei.
Der dritte Verhandlungstag ist eine Marathonsitzung – einziger Zeuge ist der Vater des Jungen. Seine Befragung hatte bereits am zweiten Verhandlungstag begonnen. Aus den präsentierten Nachrichten wird deutlich, dass der Vater und die Angeklagte auch nach der Trennung ausgiebig über die Probleme der Beziehung diskutierten. „Sie drehen die Beziehung hin und her“, sagt der Vorsitzende Richter Holger Schütt.
Richter appelliert an den Vater
Der Vater relativiert auf Nachfrage Chat- und Audionachrichten sowie eigene frühere Aussagen, die zuungunsten der Angeklagten ausgelegt werden könnten. Oberstaatsanwalt Harald Nowack zeigt sich irritiert über das zurückhaltende Engagement des Vaters, der sich – anders als Fabians Mutter – nicht als Nebenkläger anwaltlich vertreten lässt. Er hatte bislang keine direkte Akteneinsicht und bezieht seine Informationen nur aus Medien oder von Dritten. „Haben Sie Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?“, fragt Nowack ihn. Auch Richter Schütt wird deutlich: „Ich flehe Sie fast an, das ist Ihr Sohn, nicht meiner.“
Trauerrede per Künstlicher Intelligenz
Die Angeklagte zeigt kaum Emotionen, auch Fabians Mutter gibt sich gefasst. Tränen fließen bei der Angeklagten jedoch, als es um den Tod eines Pferdes vor wenigen Jahren geht, das sie seit ihrer Jugend kannte. Gegen Ende des langen Prozesstages liest Rechtsanwalt Thomas Löcker eine berührende Trauerrede für Fabian vor, wohl um die Angeklagte als einfühlsamen Menschen darzustellen. Sie hatte die Rede für den Vater verfasst, nachdem dieser vor der Beerdigung um Hilfe gebeten hatte. Richter Schütt verweist jedoch auf die Handyauswertung: Die Formulierungen stammten nur zum Teil von ihr. Sie fütterte die Künstliche Intelligenz von ChatGPT, die die Rede letztlich verfasste.



