Demokratie hat globale Wurzeln: Neue Studie widerlegt eurozentrische Sicht auf antike Regierungsformen
Demokratie hat globale Wurzeln: Studie widerlegt eurozentrische Sicht

Demokratie hat globale Wurzeln: Neue Studie widereft eurozentrische Sicht auf antike Regierungsformen

Die Vorstellung, dass die Demokratie ausschließlich im antiken Griechenland erfunden wurde, ist nach Ansicht von Archäologen eine eurozentrische Verkürzung. Eine umfangreiche Studie unter Leitung des US-Archäologen Gary Feinman vom Field Museum in Chicago zeigt nun, dass partizipative Regierungsformen weltweit existierten.

Archäologische Methoden enthüllen politische Strukturen

Für die im Fachmagazin Science Advances veröffentlichte Studie untersuchte das Forscherteam 31 verschiedene prähistorische und antike Gesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien. Da die wenigsten dieser Gesellschaften schriftliche Aufzeichnungen hinterließen, mussten die Wissenschaftler archäologische Methoden anwenden.

„Wenn man städtische Gebiete mit großen offenen Flächen findet oder öffentliche Gebäude mit weitläufigen Bereichen, in denen Menschen zusammenkommen und Informationen austauschen können, dann sind diese Gesellschaften tendenziell demokratischer“, erklärt Feinman. Im Gegensatz dazu deuten Pyramiden mit kleinen Räumen an der Spitze oder Stadtpläne, bei denen alle Straßen zur Residenz des Herrschers führen, auf autokratische Systeme hin.

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Der Autokratie-Index: Ein neues Bewertungssystem

Auf der Grundlage von Gebäudestrukturen, Inschriften und Hinweisen auf wirtschaftliche Ungleichheit entwickelte das Team einen „Autokratie-Index“, der alle untersuchten Gesellschaften von stark autokratisch bis stark kollektiv organisiert einordnet.

Das Ergebnis ist eindeutig: „Unsere Forschung zeigt, dass viele Gesellschaften auf der ganzen Welt Wege entwickelt haben, die Macht von Herrschern zu begrenzen und gewöhnlichen Menschen eine Stimme zu geben“, so Feinman.

Globale Beispiele partizipativer Gesellschaften

Zu den untersuchten Gesellschaften gehören:

  • Die Irokesen in Nordamerika: Dieses indigene Volk organisierte sich in Stammesräten und einem übergeordneten Bundesrat. Frauen hatten eine starke Stellung und konnten Anführer ernennen sowie absetzen. Entscheidungen wurden oft im Konsens getroffen.
  • Teotihuacan in Mexiko: In dieser Ruinenstadt wurden keine eindeutigen Herrscherdarstellungen gefunden, was darauf hindeutet, dass die Gesellschaft im ersten Jahrtausend nach Christus von einer breiteren Elite geführt wurde.
  • Mohenjo-Daro in Pakistan: Diese größte erhaltene Stadt aus der Bronzezeit verfügt über keine typischen Herrschaftsstrukturen wie Paläste oder Tempel. Stattdessen steht eine Badeanlage im Zentrum. Die Häuser unterscheiden sich zwar in ihrer Größe, aber nicht extrem, und viele hatten Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen.

Wirtschaftliche Ungleichheit und politische Systeme

Die Studie zeigt zudem, dass Gesellschaften mit inklusiveren politischen Systemen meist geringere wirtschaftliche Ungleichheit aufwiesen. „Weil wir heute eine Konzentration von Reichtum und Macht bei einer sehr kleinen Anzahl von Individuen erleben“, halten die Forscher diese Erkenntnis für besonders relevant.

Ein besseres Verständnis der Kennzeichen von Autokratie und Demokratie könne helfen, aktuelle Bedrohungen zu erkennen und aufkommende totalitäre Regime rechtzeitig zu bremsen.

Kritische Stimmen aus der Wissenschaft

Dorothea Rohde, renommierte Althistorikerin an der Universität zu Köln, begrüßt zwar den Ansatz, die Antike stärker durch eine sozialwissenschaftliche Brille zu betrachten und eine globale Perspektive einzunehmen, äußert jedoch Bedenken.

„Mein Problem mit der Studie ist, dass das Ergebnis letztlich recht banal ist“, so Rohde. „Denn dass die Demokratie keine rein westliche Erfindung ist, bestreitet heute niemand mehr.“ Sie weist darauf hin, dass es sich eher um partizipative Gemeinschaften handle als um Demokratien im modernen Sinne.

Rohde kritisiert insbesondere die Einordnung der römischen Republik als demokratisch: „Das war eine Aristokratie, eine Oligarchie. Und ebenso wenig würde man heute noch so pauschal sagen, dass Athen die Wiege der Demokratie war.“

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Die Angaben zu vielen prähistorischen und antiken Gemeinschaften hält sie für sehr hypothetisch und schwer überprüfbar. „Es ist eben meist nicht viel Gesichertes darüber bekannt, und dann ist es schon problematisch, so weitgehende Folgerungen zu ziehen und antike Gesellschaften auf einem Index einzuordnen“, erklärt die Expertin.

Zeitgemäße Relevanz der Forschung

Trotz der Kritik betonen die Studienautoren die aktuelle Bedeutung ihrer Arbeit: „Heute, da sich viele moderne Demokratien auf schwankendem Boden befinden, ist es wichtiger denn je, die Wurzeln demokratischer Regierungsinstitutionen zu verstehen.“

Rohde sieht darin jedoch vor allem einen zeitgenössischen Reflex: „Ich glaube, ihre Studie sagt letztlich vor allem etwas über ihre eigene Angst um das Fortbestehen der Demokratie aus. Und das ist natürlich derzeit sehr nachvollziehbar.“

Die Diskussion zeigt, wie archäologische Forschung nicht nur vergangene Gesellschaften beleuchtet, sondern auch aktuelle politische Debatten bereichern kann - selbst wenn die Interpretationen der Funde unterschiedlich ausfallen.