Walforscher warnt vor weiteren Rettungsversuchen für gestrandeten Buckelwal
Der renommierte Berliner Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter hat sich deutlich gegen weitere Rettungsbemühungen für den seit etwa drei Wochen vor der Insel Poel in der Ostsee liegenden Buckelwal ausgesprochen. In einem exklusiven Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betonte der Experte, dass weitere Eingriffe sogar riskant sein könnten und dem Tier mehr schaden als nützen würden.
„Dieser Wal macht, was er will“
„Ich würde jetzt tatsächlich an der Stelle mal ganz deutlich sagen: Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten“, erklärte Ritter mit Nachdruck. Der Wissenschaftler, der seit zwei Jahrzehnten im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission (IWC) zum Schutz der Meeressäuger tätig ist, plädiert stattdessen dafür, dem Tier den größten Gefallen zu tun, indem man es einfach in Ruhe lässt.
Der Buckelwal war am frühen Morgen bei gestiegenem Wasserstand zunächst von selbst losgeschwommen. Von Booten aus hatten Helfer versucht, ihn in Richtung offene Ostsee zu treiben. Nach etwa zwei Stunden stoppte der Wal jedoch erneut und verharrt seither trotz aller Mobilisierungsversuche an derselben Stelle im flachen Wasser.
Experte mit jahrzehntelanger Erfahrung
Fabian Ritter bringt umfangreiche Expertise in die Diskussion ein. Neben seiner langjährigen Tätigkeit für die IWC leitete er zehn Jahre lang den Bereich Meeresschutz bei Whale and Dolphin Conservation (WDC), der weltweit größten Wal- und Delfinschutzorganisation. Zudem hat der Wissenschaftler fünf Bücher über Wale veröffentlicht und gilt international als anerkannter Experte für Meeressäuger.
Wal nimmt Position bewusst ein
Laut Ritter nimmt der Buckelwal die ruhende Position im flachen Wasser bewusst und freiwillig ein. „Weil er sich das Leben erleichtern will“, erläuterte der Forscher. Das Wasser trage das Gewicht des Tieres, sodass es sich nicht selbst erdrücke. Zudem müsse der Wal nicht aktiv an die Oberfläche kommen, um zu atmen, und könne sich bei eventuellen Schmerzen schonen.
Der Zustand des Wals sei weiterhin kritisch, aber nicht hoffnungslos. Buckelwale könnten durchaus mehrere Wochen ohne Nahrung auskommen, sodass Hunger momentan nicht das Hauptproblem darstelle. Viel gravierender seien die Netzreste im Maul des Tieres, die möglicherweise die Nahrungsaufnahme verhindern. Nach zwanzig Tagen an einer Stelle komme zudem die Immobilität hinzu, die zusammen mit dem geschwächten Gesamtzustand die Situation verschärfe.
Unnatürliche Bewegungen deuten auf Probleme hin
Ritter beobachtete bei der kurzen Schwimmphase des Wals am Morgen besorgniserregende Anzeichen. „Vorhin kam er frei, ist losgeschwommen, aber schwamm unnatürlich, nur die Fluke bewegend und die ganze Zeit an der Oberfläche. Das ist nicht normal“, schilderte der Experte. Ein gesunder Wal zeige geschmeidige Bewegungen mit regelmäßigem Auftauchen zum Atmen und anschließendem Abtauchen.
Die ungewöhnliche Schwimmweise könne zwar teilweise auf die geringe Wassertiefe zurückzuführen sein. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass Schmerzen, Verletzungen oder die lange Liegezeit von zwanzig Tagen die Ursache seien. „Das macht was mit den Muskeln, das macht was mit dem Organismus“, erklärte Ritter. Es könne sich Myopathie entwickeln – eine Übersäuerung der Muskeln, die zu Verkrampfungen führe und die Bewegungsfähigkeit weiter einschränke.
Skeptisch gegenüber privater Rettungsinitiative
Der seit Donnerstag aktiven privaten Initiative, die versucht, das Tier aus dem flachen Wasser zu bergen und Richtung Nordsee zu transportieren, steht Ritter äußerst skeptisch gegenüber. „Nach meinem Dafürhalten ist es ein heikles Unterfangen, das großes Potenzial dafür hat, den Wal weiter zu stressen und seinen Zustand zu verschlechtern“, warnte der Wissenschaftler. Bisher habe die Aktion leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht.
Selbst wenn es gelänge, den Wal in die Nordsee zu bringen – eine Strecke von etwa 700 Kilometern –, wäre das Tier noch lange nicht gerettet. Erst im Nordatlantik, mit normalen Tauch- und Atemrhythmen über Tage oder besser Wochen hinweg, und vor allem mit der Fähigkeit, Nahrung aufzunehmen, könne von einer erfolgreichen Rettung gesprochen werden.
Hinweis auf globales Problem
Abschließend wies Ritter darauf hin, dass dieser Einzelfall auf ein grundlegendes globales Problem aufmerksam mache. „Dieser Wal macht uns auf ein grundsätzliches globales Problem aufmerksam, dass nämlich hunderttausende Wale und Delfine jedes Jahr in der Fischerei sterben. Und darüber muss jetzt auch geredet werden“, forderte der Experte. Die Netzreste im Maul des Buckelwals seien ein trauriges Beispiel für die Gefahren, die von Fischereiausrüstung für Meeressäuger ausgehen.



