Die langen Schatten von Tschernobyl: Radioaktive Wildschweine in deutschen Wäldern
Vierzig Jahre nach der verheerenden Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 sind die Folgen in Deutschland noch immer spürbar. Besonders betroffen sind Wildschweine in mehreren Bundesländern, deren Fleisch aufgrund erhöhter Strahlenwerte nicht in den Handel gelangen darf.
Ausgleichszahlungen für Jäger und aktuelle Zahlen
Das Bundesverwaltungsamt leistet Jägern Ausgleichszahlungen für Wildschweine, die nach dem Abschuss wegen überhöhter Radioaktivität vernichtet werden müssen. Für ein ausgewachsenes Tier erhalten Jäger 204,52 Euro, für einen Frischling 102,26 Euro. Anhand dieser Zahlungen lässt sich das Ausmaß des Problems berechnen.
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt 2927 Wildschweine (inklusive Frischlinge) wegen Strahlenbelastung entsorgt. Die Zahlen der Vorjahre zeigen Schwankungen: 2024 waren es 3099 Tiere, 2022 sogar 7539 und 2020 7235 Wildschweine.
Regionale Verteilung der Belastung
Die radioaktive Belastung konzentriert sich auf bestimmte Regionen. Bayern verzeichnet mit Abstand die meisten Fälle: 2024 waren es 2308 Strahlen-Schweine, 2022 sogar 6227. Weitere betroffene Bundesländer sind:
- Baden-Württemberg: 491 Fälle (2024)
- Sachsen: 109 Fälle (2024)
- Thüringen: 18 Fälle (2024)
- Rheinland-Pfalz: 1 Fall (2024)
Rehe sind deutlich seltener betroffen. 2023 gab es in Bayern nur 4 Rehe über dem Grenzwert, 2020 waren es 15.
Ursachen und wissenschaftliche Erklärung
Nach der Explosion im ukrainischen Kernkraftwerk wurden radioaktive Stoffe in die Atmosphäre geschleudert und gelangten durch Regen regional nach Deutschland. Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren ist heute noch zu etwa 40 Prozent vorhanden.
„In Ackerböden ist das Cäsium an Tonminerale gebunden. Deswegen können die Pflanzen es nicht oder nur in sehr geringen Mengen über die Wurzeln aufnehmen. Lebensmittel aus der Landwirtschaft enthalten daher überall in Deutschland so gut wie kein Cäsium-137“, erklärt eine Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Anders verhält es sich in Waldböden. Hier können Pflanzen und besonders Pilze das Cäsium weiterhin aufnehmen. Wildschweine sind besonders stark betroffen, da sie viele Pilze fressen und das Cäsium-137 langsam in tiefere Bodenschichten wandert.
Hochbelastete Regionen und Messwerte
Zu den am stärksten belasteten Gebieten gehören laut Bundesamt für Strahlenschutz:
- Der Bayerische Wald
- Das Donaumoos südwestlich von Ingolstadt
- Die Umgebung von Mittenwald
- Das Berchtesgadener Land
In Baden-Württemberg wurden im Jagdjahr 2024/2025 im Landkreis Freudenstadt Werte von 5362 Becquerel pro Kilogramm gemessen, im Alb-Donau-Kreis 4005 Becquerel pro Kilogramm. Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro Kilo.
„Selbst gesammelte Pilze sowie Wild, das sich von Pflanzen und Pilzen aus dem Wald ernährt, können deswegen auch heute noch deutlich erhöhte Cäsium-Werte aufweisen“, so die Sprecherin weiter. Für privat gesammelte Pilze in üblichen Mengen besteht jedoch laut Strahlenschutzbehörden keine Gesundheitsgefahr.
Historischer Kontext und aktuelle Bedeutung
Die Bilder von Feuerwehrleuten in Schutzanzügen, die 1986 an der innerdeutschen Grenze radioaktiv kontaminierte Autos reinigten, sind vielen noch in Erinnerung. Die damalige BILD-Schlagzeile vom 5. Mai 1986 warnte vor „Strahlenregen aus Tschernobyl“ und riet Hamburger Bürgern, nicht rauszugehen und nicht Rad zu fahren.
Vier Jahrzehnte später zeigt sich, dass radioaktive Kontamination ein langfristiges Problem darstellt. Während die Landwirtschaft heute kaum noch betroffen ist, bleibt der Waldboden in bestimmten Regionen eine Quelle für Cäsium-137-Aufnahme durch Wildtiere.
Das System der Ausgleichszahlungen an Jäger gewährleistet, dass kontaminiertes Wildfleisch nicht in die Nahrungskette gelangt und Verbraucher geschützt werden. Gleichzeitig dokumentieren die Zahlen die anhaltenden Auswirkungen einer Katastrophe, die sich vor vierzig Jahren in über 1.200 Kilometern Entfernung ereignete.



