Trabi, Simson und Co: Das ewige Leben der DDR-Oldies
Trabi, Simson und Co: Das ewige Leben der DDR-Oldies

Sie rollen und rollen und rollen – auch Jahrzehnte nach ihrem Produktions-Aus: Die DDR-Oldtimer Wartburg und Trabant, deren Produktion am 10. und 30. April vor 35 Jahren gestoppt wurde. Auch die flinken Simson-Zweiräder, für die das endgültige Aus 2002 kam, sind heute Hingucker auf den Straßen. Zehntausende der betagten Autos sind laut Kraftfahrt-Bundesamt aktuell zugelassen – mit seit einigen Jahren leicht steigender Tendenz. Die Zahl der vor allem bei Jugendlichen beliebten Simson-Mopeds geht nach Schätzungen von Fachleuten in die Hunderttausende. Doch was und wer hält die Oldies am Laufen?

Reparaturanleitung beim Kauf mitgeliefert

Enrico Martin, Direktor der Stiftung Automobile Welt Eisenach und selbst passionierter Wartburg-Fahrer, nennt neben der emotionalen Bindung vieler ostdeutscher Familien an ihren „fahrbaren Untersatz“ praktische Gründe für das lange Leben. „Bei DDR-Fahrzeugen wurde die Reparaturanleitung gleich dazu gepackt beim Verkauf. Und es wurden extrem viele Ersatzteile produziert“, so Martin. Damit könnten Auto- und Zweiradfans bis heute aus einem Reservoir an Ersatzteilen schöpfen. Manche der Teile seien bei unterschiedlichen Fahrzeugen sogar baugleich – Martin nennt als Beispiel Scheibenwischerschalter. In der DDR seien Ersatzteile für Wartburg, Trabant oder Simson-Mopeds oft eingelagert worden nach dem Motto „haben ist besser als brauchen“. Viele Teile würden noch heute in Kellern, Garagen oder Scheunen wiederentdeckt. „Es ist noch ganz viel da. Und wo es klemmt, findet sich relativ schnell jemand, der es produziert.“

Damit sind die DDR-Oldtimer auch ein Wirtschaftsfaktor – nicht nur durch einen florierenden Handel mit kräftig gestiegenen Preisen. Immer wieder kommen auch „Scheunenfunde“ oder Neuaufbauten auf den Markt, bei denen nicht nur die große Gemeinde der „Schrauber“, sondern auch Werkstätten und Fachhändler zum Zuge kommen. Etabliert hat sich eine feste Händler-Szene mit vielen Online-Shops, aber auch großen Anbietern.

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So sieht es bei Trabis mit Ersatzteilen aus

„Wir können fast jedes Teil liefern. Wenn etwas kaputt ist, wird es repariert“, sagt Frank Hofmann, Chef der Trabantwelt Zwickau. Seine Firma gehört zu den größeren Anbietern. Er kaufe Trabi-Ersatzteile aus Originalbeständen, doch die Teileproduktion spiele die größere Rolle. Inzwischen gebe es ein großes Netz an Herstellern, „die für uns fertigen“. Seine Firma stelle aber auch Teile selbst her. Ihn begeistere, dass die Zulassungszahlen steigen, so Hofmann, der nach eigenen Angaben seit 23 Jahren in der Trabi-Stadt Zwickau seine Firma betreibt.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren zu Jahresbeginn 41.862 bei Sachsenring in Zwickau bis 1991 gebaute Autos zugelassen. Nach dem Tief im Jahr 2014 mit 32.311 Trabis hat sich der Bestand deutlich erholt. Als Gründe für diesen Trend sieht Hofmann einen Schuss Ostalgie und die recht einfache Technik der Fahrzeuge, „die fast jeder reparieren kann“. Manche Trabant-Besitzer legten inzwischen Wert auch auf Exklusivität – beispielsweise mit Dachzelt oder Ablage für einen alten Lederkoffer. Hinzu komme eine große Tuningszene. Nach Schätzung des Trabantwelt-Inhabers schlummern noch tausende Trabis ohne Zulassung in Garagen oder Lagern.

Simson: Ost-Lebensgefühl und Schrauber-Bastion

Schätzungen zufolge knattern noch bis zu eine Million Mopeds der Marke Simson aus Suhl vor allem in Ostdeutschland über die Straßen. Amtliche Zahlen gibt es derzeit nicht, weil nicht alle der Vehikel zulassungspflichtig sind. In erster Linie bei jungen Leuten haben Mopeds mit Namen wie Schwalbe, Star, Sperber oder S50/51 Kultstatus – auch wegen einer Sonderregelung im Einigungsvertrag: Die Zweitakter dürfen, wenn sie in der DDR zugelassen waren, im Gegensatz zu anderen Kleinkrafträdern mit Tempo 60 und nicht nur mit Tempo 45 unterwegs sein. Laut Thüringer Verkehrsministerium wurden in Suhl fast sechs Millionen Simson-Zweiräder gebaut.

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Ein riesiges Potenzial auch für Ersatzteilhändler wie die Firma Meyer-Zweiradtechnik GmbH (MZA) mit Sitz im thüringischen Meiningen. Inhaber Falko Meyer setzte schon in den 1990er Jahren, als neu gebaute Simson-Zweiräder nur schwer verkäuflich waren, auf das Ersatzteilgeschäft. Anfang der 2000er Jahre übernahm er nach eigenen Angaben vom Simson-Insolvenzverwalter Lagerbestände, Werkzeuge, Vorrichtungen – und wird zum Lizenznehmer der Marke. In den vergangenen Jahren sei in Meiningen ein neuer Standort für die Ersatzteilversorgung entstanden – „mehr als 30 Millionen Euro haben wir investiert seit 2018“, sagt der Firmenchef. Neuerdings betreibe MZA auch einen Online-Shop und beliefere nicht mehr nur Fachhändler. Das Unternehmen mit rund 170 Arbeitnehmern folge damit einem Markttrend: „Junge Leute machen viel selbst, sie basteln und schrauben und wollen Individualität“, so Meyer. Werkstätten hätten Marktanteile verloren. Mehr als 10.000 Ersatzteile habe seine Firma im Programm – vor allem für Simson, aber auch andere DDR-Zweiräder wie das Motorrad MZ, so der gebürtige Sachse. Er spricht von einem knallharten Wettbewerb. „Es gibt keinen Engpass. Man kann sich quasi ein Moped aus Teilen zusammenbauen. Im Grunde sind diese Mopeds unsterblich“, findet Meyer.

Wartburg fährt in einer Nische

Das gilt nach Meinung des Direktors der Automobilen Welt Eisenach ebenso für die DDR-Autos. Auch wenn der Wartburg mit etwa 9.100 Exemplaren eher in einer Nische rollt, sei die Ersatzteilversorgung sicher. Bei dem einstigen DDR-Mittelklassewagen aus dem ehemaligen Automobilwerk Eisenach stiegen die Zulassungszahlen seit 2015 – langsam, aber stetig. Martin hofft, dass heute 16-Jährige mit der „Simme“, wie die Mopeds umgangssprachlich genannt werden, starten und als Erwachsene bei Wartburg oder Trabant landen. Nach seiner Schätzung kommen in den nächsten Jahren wieder mehr gut restaurierte DDR-Oldtimer auf den Markt, weil ihre Besitzer sich aus Altersgründen von ihnen trennen.