Im Modehaus Wiedewald in der Güstrower Pferdemarktstraße ist es in diesen Tagen auffallend ruhig geworden. Die Regale sind weitgehend leer, der Verkaufsraum wirkt still – nur wenige Kunden finden noch den Weg in das traditionsreiche Geschäft. Nach mehr als 150 Jahren und fünf Generationen schließt das Familienunternehmen zum 1. Mai endgültig seine Türen.
Letzte Andenken vor endgültigem Aus
Die großen Ausverkaufswochen liegen bereits hinter dem Haus, das Lager ist inzwischen vollständig geräumt. „Die Kunden haben sich gefreut, so gute Qualitätsware zum Schnäppchenpreis zu bekommen, und zugleich waren viele sehr traurig“, erzählt Stefanie Wiedewald-Minich. „Einige haben sich damit ein letztes Andenken mitgenommen.“ Wehmut ist verständlich: Immerhin bestand das Unternehmen mehr als 150 Jahre. Das Geschäft war wie eine Metapher für die „gute alte Zeit“: Manufaktur-Hüte und handgefertigte Pelze gab es hier. Die Firma hat alle möglichen Zeiten und Gesellschaftsformen überdauert und ausgestanden: Von zwei Weltkriegen über die Kollektivierung in der DDR wieder hin zum Privatgeschäft, das sich auch an ein drastisch verändertes Konsumverhalten angepasst hat, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Wiedewald schließt ohne Sentimentalität
Mit der jetzigen Krise des Einzelhandels hat es aber auch so ein Traditionshaus schwer. Wenngleich Auslöser für die Schließung das Renteneintrittsalter des Inhabers Wilfried Minich war, hebt Stefanie Wiedewald-Minich den privaten Grund dafür hervor. „Die Zeiten ändern sich. So ist eben der Lauf der Dinge“, sagt sie. Die gelernte Kürschnerin zeigt angesichts dieser traditionsreichen Geschichte unerwartet wenig Sentimentalität. Eher nimmt sie den nun echohaften Hall wahr, der im nahezu leeren Verkaufsraum mitschwingt, wenn man spricht. „In letzter Zeit haben wir viel sortiert und Ordnung gemacht“, spricht sie davon, dass im Grunde alles getan sei. Jetzt könne ein neuer Laden hier eröffnet werden. Ob der neue Besitzer des Hauses und der Vermieter bereits jemanden gefunden haben, wisse sie allerdings nicht.
Stefanie Wiedewald-Minich stammt aus der letzten Generation, die das Geschäft in den vergangenen 20 Jahren geführt hat. Sie war es auch, die das „W“ entworfen hat, das als Markenzeichen für „Wiedewald“ in goldfarbigen Lettern auf dunkelbraunem Grund Teppichmuster, Verpackungen sowie Kassenschale ziert und im Design ein wenig an ein Wiener Kaffeehaus erinnert.
Optimistischer Blick in die Zukunft
Stefanie Wiedewald-Minich blickt sogar optimistisch voraus. Den Onlinehandel sieht sie als nicht so problematisch an. Eine Herausforderung sei eher, dass vor allem junge Leute Masse statt Klasse kaufen würden. „Ich glaube aber, dass der Handel im Wandel ist und sich Qualität wieder durchsetzen wird“, spricht sie beispielsweise an, dass immer mehr Menschen etwa auf gute Sachen aus Secondhand setzen und bewusster und nachhaltiger einkaufen würden. „Ich denke, der Markt wird sich regulieren“, sagt die Verkäuferin.
Güstrow wirbt um neue Ladenideen
Die Stadtverwaltung dankt dem Modehaus „für 150 Jahre Wirken in Güstrow und wünscht für die Zukunft alles Gute.“ Es sei „nachvollziehbar und legitim, dass ein traditionsreiches Familienunternehmen nach vielen Jahren Tätigkeit aus persönlichen Gründen schließt“, hieß es aus dem Rathaus. Zugleich würde man sich wünschen, dass an dieser Stelle bald wieder ein neues Geschäft eröffnet. Die Stadt bietet dahingehend Unterstützung an. „Interessenten, die ein Geschäft eröffnen möchten, können sich gern an die Abteilung Stadtmarketing der Barlachstadt wenden“, hieß es.



