Bildungskrise erreicht neuen Höchststand: 273 Millionen Kinder ausgeschlossen
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen ohne Zugang zu Bildung ist weltweit das siebte Jahr in Folge angestiegen und hat nun einen alarmierenden Rekordwert von 273 Millionen erreicht. Dies geht aus dem aktuellen Weltbildungsbericht der Unesco hervor, der einen "beunruhigenden Trend" konstatiert. Demnach ist global betrachtet jedes sechste Kind von formaler Schulbildung ausgeschlossen, während nur zwei von drei Jugendlichen einen Sekundarschulabschluss erreichen.
Hauptursachen: Bevölkerungswachstum, Konflikte und sinkende Budgets
Als zentrale Gründe für diese Entwicklung nennt die Unesco das anhaltende Bevölkerungswachstum, zahlreiche Krisenherde sowie rückläufige Bildungsetats in vielen Ländern. Besonders dramatisch stellt sich die Situation in afrikanischen Staaten südlich der Sahara dar, wo besonders viele Kinder keine Schule besuchen können. "Weltweit lebt mehr als jedes sechste Kind in einem von Konflikten betroffenen Gebiet", heißt es in dem Bericht. Im Nahen und Mittleren Osten hätten regionale Spannungen zu zahlreichen Schulschließungen geführt, wodurch Millionen Kinder de facto vom Unterricht ausgeschlossen seien – ein Umstand, der in offiziellen Statistiken oft unberücksichtigt bleibe.
Lichtblicke in Madagaskar, Togo und anderen Regionen
Trotz der insgesamt negativen Entwicklung verzeichnet die Unesco seit der Jahrtausendwende in einigen Ländern beachtliche Fortschritte. In Madagaskar und Togo sei der Anteil der Kinder ohne Schulzugang seit dem Jahr 2000 um 80 Prozent zurückgegangen. Ähnlich positive Entwicklungen zeigen sich in Marokko, Vietnam, der Elfenbeinküste, der Türkei und Georgien. Die Organisation betont, dass es keine universelle Lösung für das Problem gibt, sondern lokale Gegebenheiten berücksichtigt werden müssen. In einigen Regionen hätten Schulpflichtgesetze und Verbote von Kinderarbeit geholfen, andersorts zeige sich ein positiver Zusammenhang zwischen Schulessen, Stromversorgung und längerer Schulbesuchsdauer.
Deutschland bei Bildungsgerechtigkeit hinter europäischen Nachbarn
Der Weltbildungsbericht übt deutliche Kritik an der Bundesrepublik. Deutschland liege bei der Bildungsgerechtigkeit hinter anderen europäischen Staaten zurück. "Fast vier von fünf Kindern aus wohlhabenden Haushalten, aber weniger als eines von drei Kindern aus benachteiligten Haushalten erhalten eine Gymnasial-Empfehlung", so die Unesco. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, bezeichnet die globale Entwicklung als "Weckruf" und betont: "Wenn weltweit immer mehr Kinder und Jugendliche von Bildung ausgeschlossen sind, muss uns das auch in Deutschland verpflichten."
Die Autoren des Berichts kritisieren insbesondere die frühe Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen, die in Deutschland meist im Alter von etwa zehn Jahren erfolgt – deutlich früher als in vielen anderen Ländern. "Die Entscheidungen werden stark vom sozio-ökonomischen Status der Eltern beeinflusst", lautet die Kritik. In den vergangenen Jahren habe die Abschlussquote in der Sekundarstufe unter dem europäischen Durchschnitt gelegen.
Forderungen nach strukturellen Reformen
Böhmer fordert, Benachteiligungen frühzeitig abzubauen und öffentliche Mittel gezielt dort einzusetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Sie lobt in diesem Zusammenhang Initiativen wie das "Startchancen-Programm", das Schulen mit besonderen Herausforderungen unterstützt. Gleichzeitig mahnt sie: "Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht von selbst – sie ist eine politische Aufgabe." Mehrere Bildungswissenschaftler stellen das gegliederte Schulsystem in Deutschland grundsätzlich infrage und fordern strukturelle Reformen.
Die Unesco, die 1948 den Zugang zu Bildung als Menschenrecht festgeschrieben hat, sieht in der Förderung von Bildung, wissenschaftlicher Zusammenarbeit und kulturellem Verständnis eine ihrer Kernaufgaben. Der aktuelle Bericht unterstreicht die Dringlichkeit, dieser Verpflichtung weltweit – und auch in Deutschland – nachzukommen.



