Rechtsruck im Klassenzimmer: Wenn Kinder plötzlich rechtsextreme Parolen rufen
Hitlergruß im Unterricht, rechte Parolen auf dem Schulhof – was lange undenkbar schien, gehört an manchen Schulen inzwischen zum traurigen Alltag. Eine Lehrerin berichtet aus ihrer Erfahrung, warum Eltern jetzt besonders gefragt sind und welche Maßnahmen wirklich helfen können, um dem Rechtsruck entgegenzuwirken.
Schulen als Spiegelbild der Gesellschaft
Laura Nickel, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Max Teske das Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer“ veröffentlicht hat, erklärt die aktuelle Situation: „Aus meiner Sicht sind die Schulen wie andere Institutionen auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die gerade insgesamt stark nach rechts rutscht.“ Vieles, was vor Jahren noch ein absolutes Tabu darstellte, sei heute kein Tabu mehr. Die Grenzen hätten sich deutlich verschoben, und rechtsextreme Einstellungen würden zunehmend salonfähig.
Nach den ausländerfeindlichen Gesängen in einer Bar auf Sylt hätten auch an Schulen viele Jugendliche das Lied zumindest gesummt. „Das war ein regelrechter Hype. Schulen bilden auch ab, was in der Gesellschaft als Ganzes passiert“, so Nickel. Schule sei kein isolierter Ort. Schülerinnen und Schüler gingen in Clubs, hörten Musik und bekämen bestimmte Einstellungen und Ansichten in ihrem Elternhaus vermittelt. Schule alleine könne deshalb auch nur begrenzt gegensteuern.
Präventive Maßnahmen und pädagogische Aufarbeitung
Wie sollten Schulen konkret reagieren? Nickel betont: „Schulen können präventiv reagieren. Damit aus einem rechtsextremen Vorfall kein Flächenbrand wird, sollten sie sich Verbündete suchen und auf keinen Fall eine Mauer des Schweigens hochziehen.“ Dieses Mauern habe sie leider an ihrer früheren Schule im Spreewald selbst erlebt.
Präventiv reagieren bedeute, dass sehr viel möglich sei. Beratungsstellen böten kostenlose Angebote für Lehrkräfte. Diese sollten mit Schülerinnen und Schülern das Gespräch suchen – und auch im Kollegium. „Wenn irgendwo an einer anderen Schule ein rechtsextremer Vorfall bekannt wird, warum dann nicht mal im Kollegium zusammensetzen und fragen: Haben wir das bei uns eigentlich auch?“ Das könne für das Thema sensibilisieren. Zudem gehöre die Schulsozialarbeit gestärkt, da sie noch ganz andere Perspektiven eröffnen könne.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte
Was können Lehrkräfte tun, wenn es zu rechtsextremen Vorfällen im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof kommt? Jede Lehrkraft habe die Möglichkeit, den Rechtsruck im Unterricht zu thematisieren, auch bevor etwas vorgefallen sei. „Und wenn etwas vorgefallen ist, muss ein Stoppzeichen gesetzt werden. Da darf nichts weggelächelt oder bagatellisiert werden“, mahnt Nickel. Lehrkräfte sollten in solchen Fällen auch die Schulleitung informieren und sich dort Rückendeckung holen.
Ein Beispiel: Ein Schüler zeigt im Unterricht den Hitlergruß. Nickel erklärt: „Konkret hängt das auch vom Alter des Schülers ab. Auf jeden Fall gilt es, das Gespräch mit dem Schüler zu suchen. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern pädagogisch.“ Je nach Klassenstufe wäre es zum Beispiel möglich, den betreffenden Schüler einen Vortrag dazu erarbeiten zu lassen und sich so damit auseinanderzusetzen. Das würde auch die Klasse sensibilisieren. Wichtig sei in jedem Fall: Es braucht pädagogische Aufarbeitung.
Die Rolle der Eltern und politische Bildung
Nickel spricht auch die Elternhäuser an: „Eltern dürfen nie außen vorgelassen werden. Sie haben schließlich großen Einfluss auf ihre Kinder.“ Wenn man im Familienkreis bei rechtsextremen Tendenzen ein Stoppzeichen setze und klar mache, dass dies nicht in Ordnung sei, dann sei das enorm wichtig. Zugleich müssten Eltern wissen, dass die Schule hinter ihnen stehe. Auch für Eltern gelte: Suchen Sie sich Verbündete! Sprechen Sie mit den Lehrkräften ihrer Kinder, mit der Schulsozialarbeiterin oder wenden Sie sich an eine Beratungsstelle.
Die politische Bildung gehöre gestärkt. „Die NS-Zeit erst in Klasse 9 zu behandeln, ist viel zu spät“, kritisiert Nickel. Man könne schon in Klasse 7 damit anfangen, indem man zum Beispiel einschlägige Lektüre lese. Etwa „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne oder „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Graphic Novel. „Wir sollten nicht so tun, als wäre das Thema für jüngere Schülerinnen und Schüler noch nicht geeignet. Wir können es geeignet machen“, so die Lehrerin.
Social Media und männliche Jugendliche
Im Buch beschreiben Nickel und Teske, dass gerade männliche Jugendliche empfänglich für rechtsextreme Propaganda seien. Nickel erklärt: „Das hat viel mit dem Angebot für junge Männer auf Social Media zu tun. Dort wird ein Männlichkeitsbild propagiert, das nichts mit der Realität zu tun hat.“ Viele Jugendliche seien aber gar nicht in der Lage, das so zu erkennen und fühlten sich in ihrer Suche nach Orientierung angesprochen – der starke Mann, Kampfsport, Muskelbildung, solche Themen. Und das komme oft von rechtsextremen Influencern. Die Algorithmen sorgten dann dafür, dass man immer mehr vom Gleichen bekomme.
Mehr Medienbildung in der Schule könnte helfen. Nickel wäre für ein eigenes Schulfach: „Es braucht Training im Umgang mit Social Media, ganz praktisch: Warum nicht mal ein Video analysieren, in seine Bestandteile zerlegen, um herauszufinden, wie es aufgebaut ist und auf welche Weise Nutzerinnen und Nutzer auf den Plattformen gehalten werden?“ Zugleich spricht sie sich für eine Altersgrenze aus, betont aber, dass Kinder und Jugendliche auch vorbereitet werden müssten auf den Umgang mit Social Media. Damit könne man bereits in der Grundschule anfangen.
Abschließend betont Nickel: „Ich habe das Gefühl, da liegt noch ein langer Weg vor uns.“ Der Rechtsruck an Schulen könne nicht mehr so leicht unter den Teppich gekehrt werden wie noch vor einigen Jahren, aber es sei zäh. Es gebe genügend Fortbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für Lehrkräfte und Schulen, aber das sei oft noch nicht etabliert. Hier wünscht sie sich verpflichtende Fortbildungen und mehr Freiheiten für Lehrkräfte, um sich länger in Ruhe einem Thema widmen zu können – auch fächerübergreifend und mit bundeseinheitlichen Standards.



