In Sachsen-Anhalt ist die demografische Schieflage deutlich spürbar: Die Geburtenrate erreicht ein historisches Tief, Kindergärten schließen, und die Bildung leidet. Gleichzeitig wachsen Spannungen zwischen den Generationen – sei es beim Klimaschutz, beim Gendern oder bei der Frage nach bezahlbarem Wohnraum. In der Gesprächsreihe „Struktur und Wandel“ in Halle diskutierten der Soziologe Sebastian Kurtenbach und Pfarrerin Hanna Henke über die Ursachen und mögliche Lösungen.
Die demografische Schieflage: Doppelt so viele 60-Jährige wie Sechsjährige
Der Soziologe Sebastian Kurtenbach, Co-Autor des für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buches „Kinder: Minderheit ohne Schutz“, präsentierte eine alarmierende Zahl: „Es gibt doppelt so viele 60-Jährige wie Sechsjährige.“ Diese Entwicklung führt dazu, dass in ländlichen Regionen Kitas aus betriebswirtschaftlichen Gründen geschlossen werden, was Familien mit langen Wegen und weniger Angeboten belastet.
Pfarrerin Hanna Henke, die seit 2023 die Passendorfer Gemeinde in Halle-Neustadt leitet, bestätigt diese Entwicklung aus kirchlicher Perspektive: Auch in der Gemeinde werden Angebote gestrichen, weil die Menschen fehlen. „Das ist total hart“, sagt sie, aber sie erlebt auch Verständnis bei den Älteren.
Triggerpunkte des Generationenkonflikts
Kurtenbach betont, dass der Generationenkonflikt kein Dauerzustand sei, sondern an bestimmten Themen aufflamme. „Es gibt drei große Triggerpunkte: Klima, Gendern und Wohnen.“ Während der Klimawandel für alle ein Thema sei, bewerteten junge Menschen die Dringlichkeit oft anders als ältere. „In ihrer Ableitung der Konsequenz gehen junge Menschen weiter als ältere“, so Kurtenbach.
Demokratische Schieflage: Wer entscheidet über die Zukunft?
Die demografische Verschiebung hat auch politische Konsequenzen: Bei der vergangenen Bundestagswahl waren rund 58 Prozent der Wahlberechtigten über 50 Jahre alt. Bald könnten mehr als die Hälfte der Wähler über 60 sein. „Das bedeutet: Regierungen können Reformen beschließen, die ihre Wähler gar nicht mehr betreffen“, warnt Kurtenbach. Junge Menschen erlebten, dass über ihre Zukunft von einer Mehrheit entschieden werde, die diese Zukunft womöglich nicht mehr erlebe.
Trotz dieses Konfliktpotenzials sieht Kurtenbach ein hohes Maß an Solidarität. Junge Menschen lehnten Rentenkürzungen oder schlechte Pflege ab, während Ältere marode Schulen oder schlechte Busverbindungen kritisierten. „Im Moment überwiegt noch das Solidarpotenzial“, stellt er fest.
Fragmentierung der Lebenswelten
Gleichzeitig beobachtet Kurtenbach eine zunehmende Fragmentierung: „Es gibt Familienhotels auf der einen Seite und kinderfreie Hotels auf der anderen.“ Beides sei ein ökonomischer Niederschlag der Entwicklung, dass Menschen wenig mit der anderen Welt zu tun haben wollen. Er kritisiert, dass junge Menschen zu wenig in Entscheidungen einbezogen werden, etwa beim Thema Wehrdienst. „Nur weil der Opa früher bei der NVA war, heißt das nicht, dass die jungen Menschen Kriegsdienst kennen. Man muss mit ihnen reden, erklären, diskutieren, zuhören.“
Begegnung allein reicht nicht – gemeinsame Ziele sind entscheidend
Pfarrerin Henke erlebt in Halle-Neustadt, wie Generationen im Alltag zusammenfinden, etwa bei Aktionen wie Müllsammeln oder einem „Langen Tisch“. Nachbarschaft könne familienähnliche Funktionen übernehmen, mit „Zusatzomas oder -opas“ für Kinder. Doch Kurtenbach warnt: „Begegnungen ohne gemeinsames Ziel sind wirkungslos.“ Es brauche Orte, an denen Menschen gemeinsam etwas tun – Kulturangebote, Stadtteiltreffs, Vereinsleben.
Henke wünscht sich mehr Räume, die mehrere Altersgruppen ansprechen, nicht nur separate Projekte für Jung und Alt. „Konflikte entstehen oft dort, wo Menschen keine Vorstellung von der Lebenswelt der anderen haben“, sagt sie. „Dann greifen Klischees.“
Fazit: Konfliktpotenzial ja, aber auch große Solidarität
Der Generationenkonflikt ist real, aber nicht das größte Problem. „Es gibt ihn punktuell, aber nicht systematisch“, fasst Kurtenbach zusammen. Reizthemen und die demografische Verschiebung heizen ihn an, doch die Solidarität überwiegt noch. Die Chance liege darin, weniger übereinander zu reden und wieder öfter miteinander.



