Vom anonymen Nebeneinander zur familiären Nachbarschaft
Bevor unser Sohn das Licht der Welt erblickte, lebten meine Frau und ich bereits viele Jahre zusammen in verschiedenen Wohnungen. In zwei dieser Wohnungen wusste ich nicht einmal genau, wer neben, über oder unter uns wohnte. Ich erkannte zwar Gesichter und grüßte höflich bei flüchtigen Begegnungen, verband diese Gesichter jedoch nicht mit Namen und kann mich nicht erinnern, mich jemals länger mit einer Nachbarin oder einem Nachbarn unterhalten zu haben. Wir führten getrennte Leben, zufällig in räumlicher Nähe, aber ohne echte Berührungspunkte oder Anlass für einen tieferen Austausch.
Die Geburt als Wendepunkt
Mit der Ankunft unseres Sohnes änderte sich diese Situation schlagartig – und das aus nachvollziehbaren Gründen. Zum einen wollten die Nachbarn den neuen kleinen Mitbewohner unbedingt kennenlernen. Hier hilft es sicherlich, dass Babys von Natur aus niedlich und unterhaltsam sind. Zum anderen sind Eltern in vielen Situationen auf das Verständnis ihrer Nachbarn angewiesen. Denn Kinder verursachen in jedem Alter Lärm, bringen Dreck mit sich und sorgen für jede Menge Freude.
Als unser Sohn geboren wurde, wohnten wir in einem Fünfparteienhaus. Vor seiner Geburt hatten wir einen freundlich-respektvollen Abstand zu unseren Nachbarn gewahrt. Danach wurde es jedoch völlig normal, dass wir uns gegenseitig besuchten oder gemeinsame Ausflüge unternahmen. In zwei anderen Wohnungen des Hauses lebten ebenfalls Paare mit Kindern, die nicht nur per se unterhaltsam sind, sondern auch ein ausgezeichnetes Gesprächsthema darstellen. Wir durchlebten ähnliche Entwicklungsschritte unserer Kinder, stellten uns vergleichbare Fragen und tauschten wertvolle Erfahrungen aus.
Der Umzug und neues Glück
Obwohl uns dieses harmonische Miteinander sehr gefiel und wir wussten, dass wir unsere Nachbarn vermissen würden, zogen wir um, als unser Sohn zwei Jahre alt war. Die Wohnung wurde für uns drei allmählich zu klein, und wir fanden ein bezahlbares Reihenhäuschen in der Nähe. Kurz darauf wurde auch das Haus direkt neben uns zum Kauf angeboten. Und dann zog das Glück erneut ein: Ein Paar in etwa unserem Alter mit zwei Söhnen – der eine etwas älter, der andere etwas jünger als unser Sohn – und einem dritten Kind, das kurz nach ihrem Einzug geboren wurde.
So haben wir wieder wunderbare Nachbarn und unser Sohn gewann drei Teilzeitbrüder. Als die Pandemie unser Land erreichte und wir alle angehalten waren, soziale Kontakte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, waren wir uns schnell einig, dass wir im Grunde eine gemeinsame Kohorte bildeten. Also warfen wir unseren Sohn buchstäblich über den niedrigen Gartenzaun, wenn es ihm mit uns zu langweilig oder uns mit ihm zu anstrengend wurde. Wenig später bauten wir eine Tür in den Zaun, die praktisch immer offensteht.
Eine echte Win-win-Situation
Es handelt sich hier um eine absolute Win-win-Situation: Im fröhlichen Getümmel nebenan fällt unser kleiner Zwerg kaum auf. Und wenn einer der drei Jungs einmal etwas Abstand von der Meute benötigt, kommt er einfach zu uns rüber. Meist folgen die anderen nach und nach, aber das ist dann auch immer vollkommen in Ordnung.
Besonders im Frühling und Sommer sitzen wir Erwachsenen in schöner Regelmäßigkeit auf einer der beiden Terrassen, während die Jungs quer durch beide Gärten toben. Kürzlich haben wir zum ersten Mal gemeinsam Urlaub gemacht – ohne den ältesten der Nachbarjungs und ohne die Frauen, aber mit viel Sonne, Eis und Spielen.
Ein Riesengewinn für die ganze Familie
Unsere Nachbarn sind ein unschätzbarer Gewinn für uns. Und ganz besonders für unseren Sohn, der als Einzelkind so auch außerhalb von Schule und Sportvereinen eine Menge über soziales Miteinander lernt. Ich bin unendlich froh, dass wir alle so gut miteinander auskommen. Übrigens gilt das auch für die Nachbarn auf der anderen Seite und in der weiteren Umgebung. Denn so schön es ist, wenn alles so harmonisch läuft wie bei uns, so anstrengend stelle ich es mir vor, wenn man als Familie neben Menschen wohnt, die kein Verständnis für die Bedürfnisse und die natürliche Lautstärke von Kindern haben.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wertvoll eine gute Nachbarschaft für Familien sein kann – sie bietet nicht nur praktische Unterstützung im Alltag, sondern schafft auch echte zwischenmenschliche Verbindungen, die das Familienleben bereichern.



