Bischof Bonny fordert radikale Reform: Verheiratete Männer als Priester weihen
Der belgische Bischof Johan Bonny aus Antwerpen stellt sich offen gegen die vatikanische Linie und fordert eine grundlegende Reform des Priesteramtes. In einem eindringlichen Appell erklärt der 70-jährige Geistliche, die katholische Kirche könne es sich nicht mehr leisten, nur zölibatär lebende Männer zu Priestern zu weihen. „Nur zölibatär lebende Männer als Priester zu akzeptieren, ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können“, so Bonny im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.
Dramatischer Priestermangel in Antwerpen
Bonny, der seit 17 Jahren Bischof in der belgischen Hafenstadt ist, verweist auf die alarmierenden Zahlen in seiner eigenen Diözese. „Vor 40 oder 50 Jahren gab es mindestens 1500 Priester in Antwerpen. Jetzt haben wir weniger als 100 aktive Priester“, schildert er die prekäre Situation. Dieser dramatische Rückgang sei symptomatisch für die gesamte katholische Kirche in Europa, wo immer weniger junge Männer den Priesterberuf ergreifen wollten.
In einem Hirtenbrief Mitte März hatte Bonny bereits zu einer Reform der Priesterweihe aufgerufen und konkret angekündigt: „Ich werde alle Anstrengungen unternehmen, um bis 2028 verheiratete Männer in Antwerpen zu weihen“. Für ihn sei die Frage nicht länger, ob die Kirche verheiratete Männer zu Priestern weihen könne, sondern vielmehr, wann sie es tun werde und wer den ersten Schritt wage.
Widerspruch zwischen West- und Ostkirche
Bonny argumentiert mit einem innerkirchlichen Widerspruch: Während Männer, die in den Priesterstand des lateinischen Ritus der sogenannten Westkirche eintreten, zölibatär leben müssen, können in der Ostkirche auch verheiratete Männer geweiht werden. Dieser Unterschied sei nicht mehr zeitgemäß und behindere dringend notwendige Reformen.
In seiner eigenen Diözese gebe es bereits drei verheiratete Priester, die aus der Ukraine und Belarus stammen, berichtet der Bischof. „Wie erklären Sie also einem jungen Mann, der hier aufgewachsen ist, dass das, was für seine Freunde möglich ist, für ihn nicht möglich sein soll? Das ist sehr schwierig“, fragt Bonny rhetorisch.
Vatikan schweigt, belgische Bischöfe zögern
Der Vatikan reagierte nicht auf eine AFP-Anfrage zu Bonnys Brief. Die belgische Bischofskonferenz erklärte lediglich, sie habe den Aufruf zur Kenntnis genommen und werde „diese Beratungen organisieren“. Zur eigentlichen Kernfrage äußerte sie sich nicht.
Bonny hat seinen Reformvorschlag in die laufende Synode eingebracht. Die jahrelangen Beratungen über die Zukunft der Kirche, an der auch Laien beteiligt sind, sollen 2028 in einer Generalversammlung im Vatikan münden. Ob bis dahin Bewegung in die festgefahrene Debatte kommt, bleibt ungewiss.
Bonny: Kirche braucht Vertrauensgewinn
Es ist nicht das erste Mal, dass Bonny seine Kirche öffentlich herausfordert. Der Bischof warf ihr bereits vor, bei sexuellem Kindesmissbrauch durch einen anderen flämischen Bischof beide Augen zugedrückt zu haben. Zudem setzte er sich früh für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ein.
Für Bonny herrscht das übergeordnete Gebot, das öffentliche Ansehen der katholischen Kirche wiederherzustellen. In Flandern hatte eine Dokumentation aus dem Jahr 2023 über Opfer sexueller Übergriffe durch Geistliche für großes Aufsehen gesorgt. Eine Rekordzahl von Menschen trat aus der Kirche aus. „Wir sind zu einer Kirche geworden, arm an Zahl und arm an moralischer Glaubwürdigkeit“, beklagt Bonny. „Um das Vertrauen zurückzugewinnen, brauchen wir alle“.
Der Bischof verweist auch auf das Wohlbefinden und die geistige Gesundheit der Priester. „Einige sind ziemlich unglücklich“, sagt er. „Niemand ist dafür gemacht, allein zu leben“. Die Einsamkeit vieler Geistlicher sei ein ernstzunehmendes Problem, das durch eine Reform des Zölibats gelindert werden könnte.
Weltweit werden immer weniger katholische Priester berufen. Besonders deutlich ist dieser Trend in Europa, wo es immer mehr hochbetagte Priester gibt und immer weniger junge Männer, die ihnen im Amt folgen wollen. Im französischsprachigen Süden Belgiens hat eine neue Generation von Priestern aus dem frankofonen Afrika diese Entwicklung abgefedert. Im niederländischen Flandern sind die Zahlen jedoch steil gefallen.
Bischof Bonnys Aufruf sei „ein Schrei aus tiefstem Herzen“ gewesen und „eine Art zu sagen: ›Hilfe! So kann es nicht weitergehen‹“. Ob die katholische Kirche auf diesen Hilferuf hören wird, bleibt abzuwarten. Die Uhr tickt: Bis 2028 will Bonny in Antwerpen die ersten verheirateten Männer zu Priestern weihen.



