Stalking, Hass und Mutterrolle: Schulze und Hummels brechen Schweigen
Beim gemeinsamen Stammtisch im Münchner Alten Simpl sprechen Moderatorin Cathy Hummels und die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze nicht nur über politische Themen, sondern öffnen sich überraschend persönlich. Vor rund 100 Gästen teilen sie Erfahrungen mit Hass im Netz, Stalking und dem Alltag als berufstätige Mütter. Die Veranstaltung entwickelt sich deutlich emotionaler als erwartet und zeigt, wie ähnlich die Herausforderungen für erfolgreiche Frauen in der Öffentlichkeit sind.
Persönliche Verbindung trotz kurzer Bekanntschaft
Katharina Schulze (40) und Cathy Hummels (38) wirken vertraut wie langjährige Freundinnen, obwohl sie sich erst seit wenigen Monaten persönlich kennen. "Wir haben uns einfach gefunden", erklärt Schulze. Beide verbindet mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist: "Ich werde oft aufs Frau-Sein reduziert. Das ist in der Politik ähnlich. Wir sind beide Mütter, maximal berufstätig, werden täglich bewertet, beleidigt und leben in einer Welt mit digitaler sowie sexueller Gewalt", so Hummels. Schulze ergänzt: "Frau-Sein im Jahr 2026 ist auf jeden Fall politisch."
Emotionale Stalking-Erfahrungen
Besonders emotional wird es, als Cathy Hummels über ihre eigenen Stalking-Erlebnisse berichtet. "Ich hatte einen Stalker. Dieser Mann heißt Andreas, stand bei mir im Garten und wollte mich heiraten. Der war alkoholisiert und verwirrt. Was ist passiert? Nichts! Weil er ja 'nichts gemacht' hätte", erzählt die Moderatorin. Doch damit nicht genug: Ein anderer Mann kontaktierte sie per Post. "Ich wurde psychisch vergewaltigt. Ich habe Drohbriefe bekommen mit ausgedruckten Screenshots meiner privaten Instagram-Nachrichten. Man wollte mich erpressen", schildert Hummels. Manchmal gehe ihr der Hass sehr nahe: "Ich habe auch schwache Momente."
Während Hummels eine Ausweis- und Klarnamenpflicht in sozialen Netzwerken fordert, äußert Schulze Bedenken: "Es ist technisch und rechtlich nicht so einfach. Wir müssen aber Tech-Konzerne stärker in die Verantwortung nehmen, brauchen mehr Personal bei Strafverfolgungsbehörden und müssen uns auch um kritische Männlichkeit kümmern."
Schulzes eigene Stalking-Erfahrung
Erstmals spricht auch Katharina Schulze öffentlich über ihre Stalking-Erfahrung. "Anfangs dachte ich, ich müsse all das als Politikerin aushalten, aber mittlerweile zeige ich konsequent an. Es muss aufhören, dass man sexistischen Sche**, Beleidigungen und Vergewaltigungsandrohungen verschickt. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum", betont die Grünen-Politikerin. Sie habe das große Glück, ein Team zu haben, das bei der Filterung der schlimmsten Nachrichten helfe. "Täter müssen schneller ermittelt werden. Das ist mein klares politisches Ziel. Eben, weil ich es auch aus eigener Erfahrung kenne", so Schulze.
Herausforderungen als berufstätige Mütter
Die beiden Frauen sprechen zudem offen über ihre Familien und die Schwierigkeiten, Beruf und Kindererziehung zu vereinbaren. Katharina Schulze erzählt, dass sie unter der Woche mit ihren beiden Söhnen (4 und 1) allein in München sei. Ihr Ehemann Danyal Bayaz (42), grüner Finanzminister in Baden-Württemberg, komme erst zum Wochenende. "Ich übernehme viel mehr Care-Arbeit. Das sage ich ihm schon auch und das weiß er. Mir gelingen all diese Rollen nur mit Hilfe und Unterstützung. Die Großeltern und mein Bruder packen mit an", erklärt Schulze. Mit ihrem Ehemann gebe es zu Hause auch mal Diskussionen: "Wir wägen dann ab, welcher Termin wichtiger und wiederholbar ist."
Cathy Hummels berichtet von ähnlichen Erfahrungen. "Ich war eigentlich siebeneinhalb Jahre alleinerziehend", sagt die Moderatorin. Während Ex-Mann Mats Hummels (37) in Dortmund und Rom Fußball spielte, blieb Cathy mit Sohn Ludwig (8) in München. "Mats' Beruf ging immer vor. Das stand auch ehrlich gesagt nie zur Diskussion. Natürlich hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht – gerade dann, wenn ich berufliche Verpflichtungen hatte und Ludwig krank wurde", so Hummels. Der Vater sei gar nicht in die Verantwortung gezogen worden, weil er nicht da gewesen sei. "Es war leider selbstverständlich, dass er seinem Beruf immer nachkam. Ich war es, die Jobs absagen musste. Es hieß, dass ich mit meiner Selbstständigkeit ja flexibler als ein Fußballer sei", erinnert sich die 38-Jährige.
Aktuelle Familienarrangements
Seit Sommer leben die geschiedenen Hummels das sogenannte 50/50-Erziehungsmodell. Sohn Ludwig verbringt wochenweise bei Mutter Cathy und Vater Mats. "Mittlerweile habe ich mich damit angefreundet. Aber ich bin ehrlich: Ich hatte keine andere Wahl. Der Vater hat das gleiche Recht wie die Mutter. Ich würde niemals klagen. Mein Sohn hat entschieden. Er möchte gleich viel Zeit im Monat mit Mama und Papa verbringen. Er liebt ja auch beide Elternteile gleich. Mittlerweile habe ich mich arrangiert", erklärt Hummels.
Gemeinsame Erfahrungen trotz unterschiedlicher Wege
Eigentlich sollte der Nachmittag vor allem ein Austausch sein – zwei Frauen, zwei unterschiedliche Lebenswege. Doch am Ende wurde der Stammtisch deutlich emotionaler und persönlicher als geplant. Denn egal ob Moderatorin oder Spitzenpolitikerin: Beide kämpfen mit denselben Problemen, nämlich Hass im Netz, Erwartungen von außen und dem ständigen Druck, allem gerecht werden zu müssen. Die Veranstaltung im Alten Simpl zeigte eindrücklich, wie politisch persönliche Erfahrungen sein können und wie wichtig der Austausch über solche Themen ist.



