Fake-Profile als Köder: Bande lockte Männer in Stuttgart in brutale Überfall-Fallen
Fake-Profile als Köder: Bande lockte Männer in Überfall-Fallen

Fake-Profile als Köder: Bande lockte Männer in Stuttgart in brutale Überfall-Fallen

Mit sorgfältig gefälschten Mädchen-Profilen lockten sie ahnungslose Männer in die Falle – nur um sie dann brutal zu überfallen und auszurauben. Zurück bleiben schwer traumatisierte Opfer und vier Angeklagte, die bis vor kurzem noch zur Schule gingen. Nun müssen sich die jungen Männer im Alter zwischen 19 und 20 Jahren vor der Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts verantworten.

Heimliche Flirts endeten in Gewaltorgien

Die Treffen sollten eigentlich heimliche Flirts sein, vielleicht sogar mehr. Mal warteten die Männer aufgeregt auf „Luna329“, ein anderes Mal auf „0711Sarah“ – doch statt auf die meist minderjährige Chatpartnerin zu treffen, wurden sie bei den Dates von jungen Schlägern bedroht, misshandelt, oft schwer verletzt und komplett ausgeraubt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, sich online in Fake-Profilen als minderjährige Mädchen ausgegeben zu haben, um Männer zu fingierten Dates zu locken und dann erbarmungslos zuzuschlagen.

Die Vorwürfe wiegen extrem schwer: Die selbst ernannten „Pedo-Hunter“, also angebliche Pädophilen-Jäger, sind unter anderem wegen versuchten Mordes, Vergewaltigung und besonders schwerer räuberischer Erpressung angeklagt. Zwischen Januar 2024 und Juni 2025 sollen sie im Raum Stuttgart mindestens 15 Männer gezielt in die Falle gelockt haben. Teilweise schlugen sie sogar mehrere Male innerhalb einer einzigen Woche zu.

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Planvolle Organisation über Chatgruppe

Die mutmaßliche Bande inszenierte sich über die Plattform „Knuddels“ als 16- bis 19-jährige Mädchen, verabredete sich mit ihren Opfern – und wartete dann mit Messern, Schlagstöcken, Pfefferspray oder sogar Schusswaffen an den Treffpunkten. In einem besonders brutalen Fall schnitten die jungen Männer ihrem Opfer laut Anklage die Haare ab, in mindestens einem weiteren Fall erniedrigten sie es auf grausame Weise.

„Die Gruppe organisierte ihre Ideen und Taten bereits seit Mai 2023 über eine Chatgruppe“, schilderte die Staatsanwältin zum Auftakt des Prozesses. Sie sprach von einer „dynamischen Gruppierung“, die arbeitsteilig und äußerst planvoll vorging. Ein Mitglied sollte den Kontakt herstellen, ein anderes filmen, mehrere schlugen zu oder besorgten die Waffen, auch das Fluchtauto musste organisiert werden. Die erzielte Beute sollte „je nach Arbeitsaufwand“ aufgeteilt werden.

Undercover-Ermittler brachte die Wende

Was die jungen Männer nicht wussten: Beim 15. Treffen verabredeten sich zwei von ihnen mit einem Undercover-Polizisten der zehnköpfigen Ermittlungsgruppe „Teddy“ – und liefen damit selbst in die Falle. Drei der mutmaßlichen Täter wurden bereits im Juni 2025 festgenommen, ein weiterer im Dezember. Zeitgleich stürmten Einsatzkräfte Ende des Jahres mehr als zwei Dutzend Wohnungen in Stuttgart, Esslingen und Waiblingen und durchsuchten sie gründlich.

Der Kreis der mutmaßlichen Täterinnen und Täter soll sogar deutlich größer gewesen sein: Nach damaligen Angaben der Polizei werden 15 weitere Männer und 3 Frauen verdächtigt, in unterschiedlicher Weise beteiligt gewesen zu sein. Im vergangenen Dezember hatten Staatsanwaltschaft und Polizei zudem mitgeteilt, die Tatverdächtigen könnten in wechselnder Besetzung für rund 30 Taten verantwortlich sein.

Kein „Pedo-Hunting“, sondern reine Raubzüge

Die vier Angeklagten äußerten sich zum Prozessauftakt lediglich zu ihrer Person. Sie wollen sich erst im Verlauf der Hauptverhandlung zu den schweren Vorwürfen äußern. Im Gerichtssaal saßen sie still und hörten aufmerksam zu, während die Staatsanwältin das Netzwerk ihrer mutmaßlichen Gewalttaten detailliert zeichnete.

Nach außen bezeichnete sich mindestens einer der mutmaßlichen Beteiligten als sogenannter Pedo-Hunter – also als selbst ernannter Jäger vermeintlicher Sexualstraftäter. Doch Polizei und Justiz widersprechen dieser Selbstdarstellung entschieden. Das Lockmotiv habe ausschließlich der Tarnung und zur Vorbereitung der Tat gedient.

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„Mit dem klassischen Phänomen des sogenannten Pedo-Hunting hat das hier nichts zu tun“, betonte der Leiter der Ermittlungsgruppe, Mario Teufel. „Die Tatverdächtigen haben diese Masche schlicht genutzt, um Männer anzugreifen und auszurauben.“ Das hob zum Prozessauftakt auch der Richter hervor: „Nach Aktenlage gibt es überhaupt keine Hinweise, dass es sich bei den Erwachsenen um Pädophile handelt“, sagte er. Und auch die Staatsanwältin betonte, die vier Angeklagten hätten sich verabredet „zur fortgesetzten Begehung von Raub und Erpressungsversuchen“.

Typisches Gruppengewalt-Phänomen

Klassische „Pedo-Hunter“ filmen in der Regel angebliche Täter bei den Fake-Treffen und stellen die Aufnahmen ins Netz – meist ohne rechtliche Grundlage, aber mit moralischem Anspruch. „Die eigene Legitimation beruht tatsächlich darauf, dass man sich als 'Retter' von hilflosen Kindern inszenieren kann“, erklärt Dirk Baier, Kriminologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Es gehe in Wirklichkeit eher darum, Spaß zu haben und die eigene Gewaltakzeptanz auszuleben. „Es handelt sich um ein typisches Gruppengewalt-Phänomen. Man schaukelt sich gegenseitig hoch.“

Insgesamt sind vor der Jugendstrafkammer fast 20 Verhandlungstage bis Mitte Juli geplant. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass auch zahlreiche weitere Verdächtige systematisch Erwachsene in die Sex-Falle gelockt haben, um sie auszurauben. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, während die Opfer mit den traumatischen Erlebnissen kämpfen müssen.