Das jahrhundertealte Rätsel ist endgültig gelöst
Seit Jahrhunderten rankten sich Zweifel um die Identität der sterblichen Überreste im prächtigen Sarkophag des Magdeburger Doms. Handelte es sich wirklich um die Gebeine von Otto I., bekannt als Otto der Große, dem Begründer des Heiligen Römischen Reiches? Ein interdisziplinäres Expertenteam hat nun durch moderne wissenschaftliche Methoden den endgültigen Beweis erbracht: Die Knochen gehören tatsächlich dem legendären Kaiser, der von 912 bis 973 lebte und die europäische Geschichte maßgeblich prägte.
Moderne Technologie bringt Gewissheit
Unter der Leitung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchten Dutzende Wissenschaftler von über 30 Forschungseinrichtungen die historische Grabstätte. Die Dringlichkeit der Untersuchung ergab sich aus dem schlechten Zustand des steinernen Sarkophags und des bereits stark beschädigten inneren Holzsargs. Die Forscher setzten dabei modernste Technologien ein, darunter Computertomografie und aufwendige DNA-Analysen.
Der entscheidende Beweis kam durch einen genetischen Vergleich: Fachleute des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig verglichen das Erbgut aus den Magdeburger Knochen mit Proben von Heinrich II., dem Enkel von Ottos Bruder, die im Bamberger Dom aufbewahrt werden. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir hier die tatsächlichen sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen vor uns“, erklärte Archäologe Harald Meller, Direktor des Landesamts, bei der Präsentation der Ergebnisse.
Neue Einblicke in das Leben des Kaisers
Die Untersuchungen lieferten faszinierende Details über das Leben und den Gesundheitszustand des Herrschers. Anthropologische Analysen zeigten, dass es sich um das nahezu vollständige Skelett eines etwa 1,80 Meter großen Mannes handelt – für seine Zeit außergewöhnlich groß, da er damit durchschnittlich zehn Zentimeter größer war als seine Zeitgenossen. Isotopenanalysen deuten auf eine proteinreiche Ernährung mit viel Fleisch, Süßwasserfisch und Hülsenfrüchten hin.
Die Knochen erzählen eine Geschichte von Aktivität und Verletzungen: Starke Muskelansätze an Oberschenkel und Becken belegen, dass Otto regelmäßig ritt – kein Wunder bei seinen ständigen Reisen zwischen den Pfalzen in Aachen, Magdeburg und Worms, wo er täglich oft 30 Kilometer mit seinem Gefolge zurücklegte. Doch der Kaiser litt auch unter zahlreichen Gebrechen: Arthrose in Knie- und Hüftgelenken, ein verheilter Bruch des linken Arms und Gewaltspuren am Hinterkopf und im Gesicht. Drei Schneidezähne fehlten ihm, womöglich waren sie ausgeschlagen worden, und ein Weisheitszahn war von Karies befallen.
Die Ursache des plötzlichen Todes
Besonders aufschlussreich waren die Erkenntnisse zu Ottos überraschendem Tod am 7. Mai 973 in Memleben. Vergrößerte Gefäßkanäle an Schädelbasis und oberen Halswirbeln deuten auf Gefäßveränderungen hin, die das Risiko für Embolien und Schlaganfälle erhöhen. Historische Überlieferungen beschreiben, wie der Kaiser am Abend plötzlich Fieber bekam und in sich zusammensackte – Symptome, die zu einem Schlaganfall passen würden. Kurz vor seinem Tod bat er noch um die Sakramente, bevor er im Alter von 60 Jahren in einem Stuhl, umgeben von Fürsten, verstarb.
Spannende Grabfunde und die Zukunft der Ruhestätte
Im Sarg entdeckten die Forscher neben den menschlichen Gebeinen:
- Reste von Textilien, darunter eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden
- Eierschalen als christliche Grabbeigabe (Symbol für die Wiederauferstehung)
- Einen Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert
- Ein Stück Fensterglas
Die späteren Funde beweisen, dass das Grab im Laufe der Jahrhunderte mehrfach geöffnet wurde. Die letzte Ruhestätte des Kaisers bleibt Magdeburg – am 1. September 2026 soll er im Dom in einem neu gestalteten Sarg erneut beigesetzt werden. Das Herz Ottos des Großen gilt indes weiterhin als verschollen, wobei Experten konkrete Vermutungen über seinen möglichen Verbleib haben.
„Otto der Große hat von Magdeburg aus europäische Geschichte geschrieben“, betonte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse. Die nun gewonnenen Erkenntnisse werfen nicht nur neues Licht auf den berühmten Herrscher, sondern demonstrieren auch, wie moderne Wissenschaft historische Rätsel lösen kann.



