Fall Yangjie Li: Zehn Jahre danach – Erinnerung an eine unfassbare Tat
Fall Yangjie Li: Zehn Jahre danach – Erinnerung an eine unfassbare Tat

Am Anfang stand eine kleine Vermisstenmeldung. Gesucht wurde Yangjie Li, die nach einer Joggingrunde in der Dessauer Innenstadt nicht zurückgekehrt war. Doch die journalistische Routine wurde im Mai vor zehn Jahren schnell durchbrochen: Als Freunde von Yangjie Li in der Redaktion standen und beteuerten, dass ihre Freundin „nie, nie, nie“ einfach so verschwinden würde. Zwei Tage später folgte die traurige Gewissheit. Ein Journalist stand hinter einem Absperrband in der Hausmannstraße und blickte auf einen Tatort. Anwohner erinnerten diese Woche an Yangjie Li und legten am Fundort der Leiche Blumen nieder.

Eine Zeit im Ausnahmezustand

Es begann eine Zeit im Ausnahmezustand. Ein ganzes Team in der Redaktion kümmerte sich um den Fall, der immer wieder neue menschliche und polizeiliche Abgründe offenbarte und stets neue Wendungen nahm. Eine Begebenheit ist bis heute in Erinnerung geblieben: Ein Hinweis auf zwei Festnahmen ging als Eilmeldung online, als das Telefon klingelte. „Warum gehen Sie denn davon, dass da zwei Männer verhaftet wurden?“ Die Frage ließ den Journalisten kurz innehalten. Eine sexuelle Gewalttat, an der eine Frau beteiligt war? Das war bis dahin unvorstellbar.

Einige Tage später folgte eine Pressekonferenz bei der Dessauer Staatsanwaltschaft, die unsäglich verlief. Die Täter durften Schmutz über das Opfer verbreiten – mit Unterstützung der Gastgeber. Konsterniert und fassungslos kehrte das Team in die Redaktion zurück. Monate später sahen die Journalisten die beiden Angeklagten erstmals im Landgericht Dessau in einem Prozess voller schmerzhafter Details. Der Täter wurde wegen Vergewaltigung und Mord zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Er sitzt noch immer ein. Die Mittäterin erhielt fünf Jahre und sechs Monate; sie ist längst wieder auf freiem Fuß und lebt einfach weiter.

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Erinnerungen an die Tat

Zehn Jahre später sind die Erinnerungen an die Tat allgegenwärtig. „Ich habe Yangjie Li bei der Aufnahmeprüfung für die Hochschule Anhalt das erste Mal gesehen“, erinnert sich Rudolf Lückmann. Als die Studentin vermisst gemeldet wurde, nahmen seine Frau Yili Lu und er sofort Kontakt zu den Eltern auf. In Deutschland begleiteten sie diese rund sechs Wochen lang rund um die Uhr. Lis Vater, ein Polizist, versuchte stark zu sein. Erst als der Sarg seiner Tochter eingeäschert wurde, verlor er in der Öffentlichkeit die Fassung. „Er ist hinterhergelaufen, hat den Sarg festgehalten und sich weinend entschuldigt, sie das Kämpfen gelehrt zu haben. Er dachte, sie wäre vielleicht noch am Leben, wenn sie sich ergeben hätte.“

Auch Sven Peitzner, der Berliner Anwalt der Familie, sind die Erinnerungen sofort wieder präsent. Mit 30 Jahren Berufserfahrung habe er viele extreme Fälle erlebt, „aber der war schon besonders krass. Mit dem Hineinlocken und dem Ausnutzen von Hilfsbereitschaft. Es ist atypisch, dass eine Frau dem Täter sein Opfer liefert. Und dann die gemeinsame Vergewaltigung, das Opfer totzuschlagen und zu entsorgen, wie so eine Sache, während oben in der Wohnung die Kinder schlafen. Das hatte eine ungeheure Brutalität.“

Vor Gericht habe der Täter geschwiegen und keinerlei Reue gezeigt. Von seiner Freundin angesprochen, warum er die Tat verübt habe, soll er nur gesagt haben: „Weil ich’s kann.“ Solche Sätze verdeutlichen die Besonderheit des Falls. Am Montag fand eine Gedenkveranstaltung in der Hausmannstraße statt. Anwohner hatten dort einst einen Rosenstock gepflanzt, um an Yangjie Li zu erinnern. Es ist bemerkenswert, dass die Erinnerung wach gehalten wird. Möge der Rosenstock auch in diesem Jahr wieder blühen.

Urlaubsbedingt wird der Newsletter die nächste Zeit pausieren und am 5. Juni wieder erscheinen.

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Dessauer der Woche: Neuer Anglerchef

20 Jahre lang hatte Norbert Wetzel den 1885 gegründeten Dessauer Anglerverein geleitet. Mit 850 Mitgliedern ist dieser einer der größten Vereine der Stadt. Die Fußstapfen von Wetzel sind groß. Der 47-jährige Ronny Annacker will sie nun füllen; er wurde ohne Gegenstimme zum neuen Vorsitzenden gewählt. 13 Angelgewässer gibt es in Dessau-Roßlau. In deren Pflege sieht Annacker eine zentrale Vereinsaufgabe. „Wir übernehmen mit der Gewässerpflege einen großen Teil des Naturschutzes für unsere Flüsse, Teiche und Seen. Wir fischen Bäume aus dem Wasser, tragen Laub von der Oberfläche ab, entsorgen den zum Teil giftigen Müll, den Leute hinterlassen. Die Gesundheit der Gewässer ist entscheidend für die Natur und das Angeln.“ Denn einige Teiche und Seen sind in den letzten Jahren gekippt, auch in Dessau-Roßlau. Es fehlte Sauerstoff, andere sind ganz verschwunden. Der niedrige Grundwasserpegel bereitet zusätzliche Sorgen. Annacker ist mit den Flüssen und Seen in der Region aufgewachsen und hat schon als Kind darin gebadet. Sein Großvater und sein Vater nahmen ihn zum Angeln mit, als sie seine Neugier bemerkten. Daraus entwickelte sich eine Leidenschaft, die ihn bis heute prägt: „Natur bedeutet auch Stille und Ruhe.“ Beides kann man beim Angeln genießen.

MZ-Geschichten der Woche

Zwangsverwaltung für Mieter: Jahrelang litten die Bewohner zweier Blöcke im Süden von Dessau unter dem unzuverlässigen Eigentümer. Mehrfach drohten die Stadtwerke, die Versorgung einzustellen. Nun werden die Häuser von einem Anwalt zwangsverwaltet – für die Mieter ändert sich einiges.

Weihnachtspyramide wächst: Ein Projekt, an das kaum einer glaubte: Die Weihnachtspyramide für den Dessauer Adventsmarkt wächst Figur für Figur. Diese Woche wurden Herr Fuchs und Frau Elster präsentiert. Die Herstellung der DDR-Figuren hatte besondere Anforderungen.

Kragenbären verlassen Tierpark: Die Kragenbären Henriette und Heinrich haben nach dem Winterschlaf den Tierpark Dessau verlassen. Tierparkleiter Jan Bauer schaut ihnen mit gemischten Gefühlen hinterher; der Nachwuchs hat eine neue Heimat gefunden.

Ausblick: Fest und Bühne

Achtsam Morden: Nach der Premiere am vergangenen Wochenende steht das Stück erneut drei Mal auf dem Spielplan des Mitteldeutschen Theaters in Dessau: Freitag, 15. Mai, 19 Uhr, sowie Samstag und Sonntag, 16. und 17. Mai, jeweils 15 Uhr. Drei Darsteller um Bürger Lars Dietrich rotieren in 21 Rollen und sind achtsam bemüht, der rasanten Geschichte entschleunigt zu folgen.

Rossmarkt in Roßlau: 2025 wurde der traditionsreiche „Rossmark“ wiederbelebt. Für die zweite Auflage gibt es zwei Änderungen: Der Markt findet nicht mehr auf dem Marktplatz, sondern auf der Roßlauer Wasserburg statt – aus Sicherheitsgründen. Zudem steigt er nicht parallel zum Ska-Fest, sondern bereits am Samstag, 16. Mai, ab 10 Uhr mit buntem Familienprogramm und Livemusik mit Capriccio. Stargast ist die Influencerin „Engelblond“.

Dessauer Schäferstündchen: In der Interviewreihe lädt Alexander G. Schäfer als Gastgeber im Alten Theater bekannte Persönlichkeiten ein. Bei der 29. Auflage am Samstag, 16. Mai, 16 Uhr, ist Schauspieler und Comedian Roman Weltzien zu Gast.

Benny Benack III in Dessau: Der international gefeierte Trompeter, Sänger und Entertainer wurde 2024 als Rising Star in der Kategorie „Male Vocalist“ ausgezeichnet. Am Montag, 18. Mai, 19.30 Uhr gastiert er mit dem Benny Benack Quartett im Rahmen der Dessauer Jazz Nights im Restaurant des Alten Theaters.

Topf und Pfanne: Landgasthof Lingenau

Ingrid Büttner ist die Chefin im Landgasthof Lingenau. Am Dienstag, 12. Mai, feierte sie ihren 80. Geburtstag – natürlich hinter dem Tresen. Nach der Wende kaufte und baute sie den Landgasthof um. Heute gibt es 23 Zimmer, die den Betrieb sichern. Ans Aufhören denkt Büttner noch lange nicht, auch wenn die Nachfolge klar ist: Ihr Sohn ist Küchenchef und soll den Landgasthof irgendwann übernehmen.

Einblick: Erfolgreichster Social-Media-Post

Die Roßlauer Luchstraße ist Teil der B184 und entsprechend vielbefahren. Nun muss die Deckschicht in einem 130 Meter langen Abschnitt erneuert werden. Die Sperrung interessierte auf Facebook viele und sorgte für eine Reichweite von 13.400 Personen.

Meistgeklickter Text der Woche

Der Goitzsche-Marathon war bei blauem Himmel und großer Hitze eine Herausforderung. Die Zweitplatzierte Anna Kristin Hilbert wurde disqualifiziert – es ging um das Trinken während des Laufes. Die Hintergründe wollten 24.450 Leser wissen.

Querblicke

Der Bahnhof in Güterglück sollte längst geschlossen sein. Für Reisende im Rollstuhl ist die Behelfsbrücke unüberwindbar; sie müssen über Zerbst nach Magdeburg fahren. Der geplante barrierefreie Neubau an der Moritzer Straße steht in den Sternen.

Das Ostholstein Museum in Eutin zeigt, wie wichtig der unbekannte Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis für die Bauhaus-Gründung waren. Die TAZ hat sich die Ausstellung angesehen.

MZ-Foto der Woche

Vier Babys wurden am Muttertag im Dessauer Klinikum geboren: Herzlich willkommen, Louisa, Liana Elenora, Nam Anh und Karlo.