Der Film über Olivia Jones (56) zeigt den gesellschaftlichen Wandel von den Achtzigern bis heute. Doch das Problem der Diskriminierung ist geblieben. Das macht der ZDF-Film „Olivia“ deutlich, der am Mittwochabend 3,6 Millionen Zuschauer erreichte und nun in der Mediathek verfügbar ist.
Eine Rückblende in die späten 80er-Jahre
Der Film beginnt mit einer Rückblende: Oliver Knöbel, gespielt von Arian Wegener (14), kramt im Kleiderschrank seiner alleinerziehenden Mutter Evelin (Annette Frier, 52). Als er Lippenstift und Frauenkleider findet, sind nicht nur die Mutter, sondern auch der Nachbar (Martin Brambach, 58) entsetzt. In der spießigen Kleinstadt Springe ist so etwas nicht akzeptabel.
Mutter nennt ihn „Abschaum“
Seine erste Liebe Thorsten, ein maskuliner Kerl, schaut später nur zu, als Oliver wegen seines Andersseins verprügelt wird. Thorsten wird Soldat mit Frau und Kind. „Was soll aus dir bloß werden?“, fragt die Mutter, als ihr Sohn Kleider näht und den Versicherungsjob aufgibt. Sie beschimpft ihren eigenen Sohn als „Abschaum“.
Flucht nach St. Pauli
Oliver flieht nach St. Pauli. Der Film zeigt seine Leidensgeschichte, die von HIV-Angst und Hass auf Homosexuelle selbst in Hamburg geprägt ist. Doch seine Ausdauer, sein einzigartiges Mundwerk und sein Talent holen ihn aus der schäbigen 250-Mark-Kellerwohnung. Aus Oliver wird Olivia Jones – eine Ikone.
Jugendliebe fehlt der Mut
Theater-Star Johannes Hegemann (30) spielt diesen Weg ohne Pathos, aber mit Wucht – bis hin zum ESC 2016 und Olivias „Wort zum Sonntag“. Plötzlich taucht sogar Mutter Evelin in der Olivia-Jones-Bar auf. Nur einer hadert weiter: „Wie hast du das gemacht, Olli?“, fragt Jugendliebe Thorsten (Jeremy Mockridge, 32) auf einer Parkbank. Ihm fehlt der Mut, er selbst zu sein. Immer noch.
Warum der Film wehtut
Das Ende auf der Leinwand zeigt, warum der Film wehtut: Etliche Homosexuelle leben bis heute im Verborgenen, gehen klammheimlich in Szene-Treffs und verstecken sich hinter anonymen Profilen auf Dating-Apps. Ihr Umfeld lässt nichts anderes zu. Dabei will Deutschland toleranter sein, als es ist: Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 nahezu verzehnfacht. 2023 richteten sich 1785 Taten gegen LGBTQ-Personen, im Vorjahr waren es 1188.
Laut „Spiegel“ wurde im vergangenen Jahr jede fünfte Pride-Veranstaltung zum Ziel von rechtsextremen Störern. Die Gegner haben Aufwind. Mit „Olivia“ bleibt ein Film, der nicht nur die Geschichte einer Drag-Ikone erzählt, sondern eine viel größere Frage stellt: Wie frei kann ein Leben sein, wenn man sich verstecken muss?



