Kriminologische Studie: Wie sicher fühlen sich die Bürger am Bahnhof Güstrow?
Der Bahnhof in Güstrow und sein Umfeld stehen immer wieder im Fokus der öffentlichen Diskussion. Oft geht es dabei um tatsächliche Straftaten oder um das subjektive Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung. Um dieser Thematik fundiert auf den Grund zu gehen, startet die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege Mecklenburg-Vorpommern (FHÖ) in Güstrow ein ambitioniertes Forschungsprojekt.
FHÖ erarbeitet kriminologische Regionalanalyse
Professorin Rita Bley, eine renommierte Kriminalwissenschaftlerin, leitet das Vorhaben. Gemeinsam mit Studierenden ihres Wahlpflichtfachs wird sie eine detaillierte kriminologische Regionalanalyse erstellen. Die zentrale Fragestellung lautet: „Wie sicher fühlen sich die Menschen in Güstrow – und welche Erfahrungen haben sie tatsächlich mit Gewalt gemacht?“ Dabei sollen auch Vorfälle erfasst werden, die nicht in der offiziellen Kriminalstatistik auftauchen, wie etwa Pöbeleien oder andere nicht angezeigte Situationen.
Das Projekt entsteht in enger Kooperation mit der Stadt Güstrow und der örtlichen Polizeiinspektion. Langfristig erhoffen sich die Beteiligten ein präziseres Bild davon, wo Handlungsbedarf besteht. Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung durch gezielte Präventionsmaßnahmen nachhaltig zu stärken. Die Analyse soll als Datenbasis für Konzepte des kommunalen Präventionsrates dienen.
Kriminalitätsfurcht und ihre Folgen
„Nicht nur die tatsächliche Schädigung durch Kriminalität, sondern auch die Angst davor kann weitreichende Folgen haben, zum Beispiel durch das Meiden bestimmter Orte“, erläutert Rita Bley. „Kriminalitätsfurcht kann außerdem dazu führen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat gemindert wird.“
Im Mittelpunkt der Studie steht eine umfangreiche Bürgerbefragung. Sie soll sowohl das subjektive Sicherheitsempfinden als auch tatsächliche Gewalterfahrungen der vergangenen zwölf Monate erfassen. Dabei werden emotionale, kognitive und handlungsbezogene Aspekte berücksichtigt – etwa die Frage, welche Maßnahmen Menschen ergreifen, um sich vor Kriminalität zu schützen.
Offene Fragestellung und Methodik
„Unsere Fragestellung ist offen, wir werden nicht danach fragen: ‚Fühlen Sie sich am Bahnhof Güstrow nicht sicher?‛, sondern ‚Wo in Güstrow fühlen Sie sich nicht sicher?‘“, erklärt die Professorin, die seit zehn Jahren an der FHÖ lehrt und bereits mehrere ähnliche Studien durchgeführt hat, darunter eine Dunkelfeldstudie für ganz Mecklenburg-Vorpommern und eine für Neubrandenburg.
Die Studie setzt auf ein sogenanntes Mixed-Mode-Verfahren. Über einen Zeitraum von zwei Wochen werden Menschen im Stadtgebiet zu unterschiedlichen Tageszeiten direkt angesprochen und um persönliche Interviews gebeten. Ergänzend dazu gibt es eine Onlinebefragung, die über QR-Codes zugänglich ist. Diese werden bei der Polizei, im Rathaus, in öffentlichen Einrichtungen und im Stadtanzeiger veröffentlicht, um auch jene zu erreichen, die nicht persönlich befragt werden können.
Studenten führen Interviews ab August
Insgesamt sind rund 500 persönliche, mündliche Interviews vorgesehen, zusätzlich zu den Teilnehmern der Onlinebefragung, die auch in englischer und arabischer Sprache angeboten wird. Die Teilnahme ist freiwillig und anonym.
„Die Studenten beginnen Mitte August mit den Interviews. Befragt werden Menschen zwischen 16 und 85 Jahren, die in Güstrow leben und per Zufall ausgewählt werden. Die Auswertung soll im September erfolgen und die Präsentation Anfang Oktober“, schildert die Professorin.
Polizei veröffentlicht Kriminalitätszahlen
Im Vorfeld der Studie hat unsere Redaktion die Polizeiinspektion Güstrow und die Bundespolizei nach den statistisch erfassten Fallzahlen für den Bahnhof Güstrow gefragt. Dabei ist die Bundespolizei für die Abwehr von Gefahren an Bahnanlagen und Zügen der Deutschen Bahn sowie ihrer Nutzer zuständig, während die Landespolizei für das Umfeld des Bahnhofs verantwortlich ist.
Sprecher Wulf Winterhoff von der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt teilte mit: „Im Jahr 2023 wurden 129 Straftaten im Bahnhof Güstrow festgestellt. Im Jahr 2024 waren es 170 und im Jahr 2025 stiegen die Feststellungen auf 237 an.“ Hervorstechend seien dabei die Deliktfelder Betrug/Untreue, Sachbeschädigung und bedingt Körperverletzung. Das Fahren ohne Fahrschein machte 37 Fälle im Jahr 2023 aus, 52 im Jahr 2024 und 133 im Jahr 2025. „Der Anstieg bei den Betrugs- und Untreue-Delikten im Jahr 2025 kann im Zusammenhang mit einer erhöhten Kontrolldichte der Eisenbahnverkehrsunternehmen stehen“, vermutet der Sprecher.
Die Zahl der Körperverletzungen lag bei neun im Jahr 2023, zehn im Jahr 2024 und zwölf im Jahr 2025. Sachbeschädigungen sanken von 54 im Jahr 2024 auf 35 im folgenden Jahr.
Landespolizei: Ladendiebstähle dominieren
Die Landespolizei verzeichnete einen Anstieg der erfassten Fälle von 231 im Jahr 2023 über 270 im Jahr 2024 auf 309 im Jahr 2025. Den größten Teil machen Diebstähle aus, einschließlich Ladendiebstählen. 2023 wurden 71 gemeldet, 2024 dann 100 und 2025 schließlich 110. Polizeisprecherin Diana Schmicker wies darauf hin, dass 2023 der Norma-Markt wegen Renovierung zeitweise geschlossen war, was zu weniger registrierten Ladendiebstählen führte.
Auffällig ist die Zahl der Körperverletzungsdelikte: Sie stieg von 49 im Jahr 2023 auf 62 im Jahr 2024 und 85 im Jahr 2025. Sexualstraftaten wurden 2023 drei gemeldet, 2024 keine und 2025 sieben.
Diese detaillierten Zahlen unterstreichen die Notwendigkeit der geplanten Studie, um ein umfassendes Verständnis der Sicherheitslage in Güstrow zu gewinnen und gezielte Maßnahmen zur Verbesserung des Sicherheitsgefühls der Bürger zu entwickeln.



