Gedenken und Gerichtsverhandlung am Jahrestag des Münchner Verdi-Anschlags
Genau ein Jahr nach dem verheerenden Anschlag auf eine friedliche Gewerkschaftsdemonstration in München finden am Freitag, dem 13. Februar, gleichzeitig zwei bedeutsame Ereignisse statt: Eine öffentliche Gedenkveranstaltung am Tatort und die Fortsetzung des Strafprozesses gegen den mutmaßlichen Attentäter im nur 500 Meter entfernten Oberlandesgericht München. Die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi haben zu der Gedenkfeier an der Seidlstraße/Ecke Karlstraße eingeladen, wo Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sowie Gewerkschaftsvertreter sprechen werden.
Erste Anzeichen von Bedauern beim Angeklagten
Am sechsten Verhandlungstag kam es zu einer bemerkenswerten Aussage: Ein Polizeibeamter, der den Demozug begleitete, berichtete im Zeugenstand, dass der Fahrer des tödlichen Kleinwagens bei seiner Festnahme gesagt habe: "Ich habe in meinem Leben nur einen Fehler gemacht, und das war gerade eben." Dies sind die ersten Worte, die so etwas wie Bedauern bei dem 25-jährigen afghanischen Angeklagten erkennen lassen. Ein weiterer Polizist (32) schilderte, wie die anfängliche Panik unter den Demonstranten nach dem Aufprall in blanke Wut umschlug. Ein Teilnehmer habe mit einer Fahnenstange auf die Windschutzscheibe eingestochen, es seien Beleidigungen gefallen.
Tödliche Folgen des Anschlags
Der weiße Kleinwagen war am 13. Februar des Vorjahres plötzlich an einem Polizeiauto vorbei direkt in die Menschenmenge gerast. Als Erste wurden die zweijährige Hafsa im Kinderwagen und ihre Mutter Amel erfasst, durch die Luft geschleudert und so schwer verletzt, dass sie wenige Tage später ihren Verletzungen erlagen. Insgesamt wurden 44 weitere Personen verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Ein Polizist (25) erinnerte sich daran, wie er einer Frau half, ihr eingeklemmtes Bein aus dem Radkasten zu befreien – sie hatte starke Schmerzen, stöhnte und verlor vorübergehend das Bewusstsein.
Islamistischer Terrorismus als Motiv
Die Bundesanwaltschaft geht von islamistischem Terrorismus als Tatmotiv aus und hat den 2016 nach Deutschland eingereisten Mann wegen zweifachen Mordes sowie versuchten Mordes in 44 Fällen angeklagt. Nach Ermittlerangaben soll der Täter "Allahu Akbar" gerufen und unmittelbar nach der Tat gebetet haben. Beim Prozessauftakt zeigte er ohne Worte den rechten Zeigefinger – eine Geste, die unter Muslimen den Glauben an den einen Gott symbolisiert, aber auch von Islamisten verwendet wird.
Anhaltendes Leid der Überlebenden
Viele der Überlebenden und Angehörigen der Getöteten sind im Prozess als Nebenkläger vertreten, doch ihre Bänke im Gerichtssaal bleiben oft leer. Die psychischen und physischen Folgen des Anschlags belasten die Betroffenen bis heute massiv. Der Berliner Nebenklageanwalt Onur Özata berichtet, dass einige Opfer nicht mehr arbeitsfähig seien. Sein Kollege David Mühlberger, der acht Verletzte vertritt, sagt: "Denen geht es allesamt nicht gut." Die meisten befänden sich noch in psychologischer Behandlung, manche hätten aufgrund ihrer schweren Verletzungen keine Erinnerungen an die Tat.
Stadtgesellschaftliche Auswirkungen
Abseits des Gerichtsverfahrens prägt der Anschlag weiterhin das gesellschaftliche Leben Münchens. Die Stadt richtete einen 500.000 Euro schweren Hilfsfonds für Opfer und Angehörige ein. Seit November des Vorjahres erinnert eine Bank mit Gedenktafel am Flaucher an der Isar an Amel und ihre Tochter Hafsa. Sicherheitspolitisch löste die Tat intensive Debatten über Prävention, Radikalisierung und Sicherheit im öffentlichen Raum aus. Die Münchner Polizei verschärfte ihre Sicherheitskonzepte für Demonstrationen und Großveranstaltungen, wobei jede Veranstaltung individuell geprüft wird.
Verkehrsanalytiker legt Gutachten vor
Am Jahrestag selbst wird im Gerichtssaal ein Verkehrsanalytiker sein Gutachten präsentieren. Bisherigen Ermittlungen zufolge soll der Angeklagte nach dem ersten Aufprall noch mehr als 20 Meter weitergefahren sein. Erst die unter seinem Fahrzeug eingeklemmten Opfer brachten den Wagen zum Stehen. Nebenklageanwalt Özata bewertet dies als "absoluten Vernichtungswillen des Täters, der versucht hat, so viele Menschen wie möglich zu treffen." Während der oft grauenhaften Zeugenaussagen zeige der Angeklagte keinerlei Reaktion – er sitze teilnahmslos da.
Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) weist darauf hin, dass die Seidlstraße zwischen Marsstraße und Dachauer Straße sowie die Karlstraße während der Gedenkveranstaltung für den Verkehr gesperrt sind. Der Bus der Linie 100 wird zwischen 8 und 16 Uhr umgeleitet, die Haltestelle Stiglmaierplatz kann nicht bedient werden. Verdi bezeichnet den Anschlag als schwersten Angriff auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der deutschen Nachkriegsgeschichte.



