Artenschutz als Stolperstein für Berlins ersten Wohn-Wolkenkratzer
In Berlin entsteht an der Warschauer Brücke der erste Wolkenkratzer-Wohnturm der Hauptstadt, doch der Bau wird durch tierische Bewohner massiv verzögert. Der Entwurf des Architekturbüros Henning Larsen sieht 52 Etagen mit 1078 dringend benötigten Wohnungen vor, die bis in 167 Meter Höhe reichen. Allerdings könnten geschützte Zauneidechsen und Fledermäuse die hochfliegenden Pläne durchkreuzen.
Streit zwischen Politik und Naturschutz
SPD-Bausenator Christian Gaebler (61) will das Projekt gegen den Willen des grün regierten Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg durchsetzen. Derzeit läuft die Bürgerbeteiligung, die noch bis zum 14. April Stellungnahmen ermöglicht. Doch der Artenschutz stellt sich als größtes Hindernis heraus.
Das Eidechsen-Dilemma: In unmittelbarer Nachbarschaft des Bauplatzes leben Zauneidechsen, die die sonnigen Bereiche entlang der Bahngleise bevorzugen. Ein Gutachten hat ergeben, dass der geplante Wolkenkratzer auf etwa 1304 Quadratmetern ihres Lebensraums Schatten werfen würde. Zauneidechsen sind sehr ortstreu und bewegen sich meist nur im Radius von fünf Metern, was Umsiedlungsmaßnahmen erschwert.
Umfangreiche Schutzmaßnahmen erforderlich
Um die Tiere zu schützen, müssen aufwendige Vorkehrungen getroffen werden:
- Ein 20 Zentimeter tief eingegrabener Amphibienzaun aus PVC-Folie soll Bauplatz und Eidechsen-Gebiet trennen
- Regelmäßige Kontrollen auf Mauselöcher im Zaun sind vorgeschrieben
- Auf der verbleibenden Fläche werden Totholzhaufen und Sandflächen aufgeschüttet
- Raupen des Nachtkerzenfalters müssen während der Bauphase abgesammelt und versetzt werden
Besondere Einschränkungen für Fledermäuse: Um Kollisionen mit Baustellenfahrzeugen zu verhindern, dürfen Bauaktivitäten eine Stunde vor Sonnenuntergang und eine Stunde nach Sonnenaufgang nicht stattfinden. Kräne dürfen in der Dämmerung nicht betrieben werden.
Politische Kritik an den Verzögerungen
Jan-Marco Luczak (50), baupolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, äußert deutliche Kritik: "In Berlin fehlen Tausende Wohnungen. Dadurch steigen die Mieten und die Schlangen bei den Wohnungsbesichtigungen werden immer länger. Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnungsbau, das muss jetzt unbedingten Vorrang haben." Er verweist darauf, dass die Zauneidechse nach Millionen Jahren Evolution auch ohne behördliche Anweisungen ihren Weg in die Sonne finden würde.
Luczak setzt Hoffnung in die geplante Novelle des Baugesetzbuchs, die Bauvorschriften vereinfachen soll: "Künftig bekommt der Bau von neuen Wohnungen in angespannten Wohnungsmärkten wie in Berlin bei der Interessenabwägung Vorrang. Künftig entscheidet nicht mehr die Kreuzkröte, die Zauneidechse oder die Feldmaus, sondern wieder der gesunde Menschenverstand."
Weitere Herausforderungen und geplante Nutzung
Neben den Eidechsen und Fledermäusen müssen auch potenzielle Bibervorkommen berücksichtigt werden. Da die Nagetiere nachweislich im 750 Meter entfernten Spreepark unterwegs sind, muss der Baustellenzaun stets dicht sein.
Am Fuß des geplanten Wolkenkratzers sollen Fußgänger ein Hotel und Sozialwohnungen vorfinden. Das Projekt steht exemplarisch für den Konflikt zwischen dringend benötigtem Wohnraum und den Anforderungen des Artenschutzes in einer wachsenden Metropole.
Die Diskussion um Berlins ersten Wohn-Wolkenkratzer zeigt, wie komplex moderne Stadtentwicklung geworden ist, wo ökologische Belange und soziale Notwendigkeiten gegeneinander abgewogen werden müssen.



