Kaulbachstraße: Aus Milchladen wird privates Bürocafé
Kaulbachstraße: Milchladen wird Bürocafé

Zwei Jahre lang war es still an der Ecke Kaulbach- und Schackstraße, am Rande des Englischen Gartens. Nichts regte sich mehr hinter dem Schaufenster des kleinen Eckgeschäfts in der Kaulbachstraße 54. Dabei war hier bis 2024 einer der letzten echten Münchner Kramerläden beheimatet: der alte Milchladen, der 1963 eröffnet wurde und sechzig Jahre lang ein Treffpunkt für die Nachbarschaft war.

Das Ende einer Ära

Die betagte Ladengründerin Anna Brauner, achtfache Mutter, auf die das Geschäft lief, war gestorben. In den letzten Jahren hatten ihre Töchter den Laden geführt, ein Sohn half beim Einkauf. Doch die Familie wollte nicht weitermachen. Im April 2024 wurde das Geschäft endgültig geräumt – ohne Abschiedsfeier, sehr zum Bedauern der Stammkunden. Die Nachbarschaft hoffte sehnlichst auf einen Nachfolger, der den Laden als „Ratsch-Treffpunkt“ wiederbeleben würde. Doch daraus wird nichts.

Neue Nutzung: Privates Bürocafé

Das gelbe Eckhaus in Altschwabing gehört der Allianz. Ein Sprecher des Immobilienbereichs erklärt auf Nachfrage: „Wir haben lange und intensiv nach jemandem gesucht, der den Milchladen übernehmen könnte. Wir haben die Verbundenheit der Anwohner mit diesem Standort sehr wohl verstanden und hätten die Räumlichkeiten in dieser Form nur zu gerne weiter vermietet.“ Doch weder die frühere Kramerfamilie noch die Allianz selbst fanden jemanden, der bereit war, den Laden als öffentlichen Treffpunkt zu führen. Außensitzplätze waren nicht genehmigt, und der Mietpreis entsprach nicht mehr dem von 1963.

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Nun zieht eine benachbarte Firma mit Büroräumen ein und richtet ein Café ein – allerdings nur für den Eigenbedarf. „Es wird für den Eigenbedarf des Mieters genutzt werden“, so der Allianz-Sprecher. Öffentlich zugänglich ist das Café nicht.

Trauer bei den Anwohnern

Besonders bitter ist das für Gisela Kochs (82). Die frühere Lehrerin hat 38 Jahre lang im Milchladen eingekauft. In ihrem Haushaltsbücherl notierte sie akribisch ihre Einkäufe. „Ich hab früh um 7 Uhr da mit den Nachbarn meinen Stehkaffee getrunken. Und im Laden alles bekommen, was ich gebraucht habe“, erzählt sie. Jetzt ist das Einkaufen für sie schwer geworden. „Ich bin nicht mehr gut zu Fuß. Die nächsten Supermärkte sind in der Leopold- und in der Türkenstraße – zu weit für mich.“ Seit zwei Jahren lässt sie sich ihre Lebensmittel von einem Lieferservice bringen. Doch der Ratsch im Milchladen fehlt ihr sehr. „Das war unser Anker hier im Viertel. Wir haben so lange gehofft, dass ein Milchladen zurückkommt. Ich bin jetzt wirklich sehr traurig.“

Was bleibt: Die Erinnerung

Der Schriftzug „Milch“ über dem Schaufenster ist noch vorhanden, wenn auch die geschwungenen Buchstaben über der seitlichen Eingangstür bereits abmontiert sind. Das Paulaner-Schild mit der Aufschrift „Milch, Lebensmittel, Getränke“ ist verschwunden. Drinnen laufen Umbauarbeiten für das private Bürocafé. Zumindest die fünf schokobraunen Buchstaben über dem Schaufenster sollen als schöne Erinnerung erhalten bleiben.

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