Seit Tagen herrscht vor der Insel Poel in der Ostsee ein reges Treiben um einen gestrandeten Buckelwal. Boote, technisches Gerät und zahlreiche Schaulustige, darunter auch Umweltminister Till Backhaus, nähern sich dem geschwächten Tier. Der Wal scheint die Situation gelassen hinzunehmen, doch Experten warnen: Die Ruhe könnte trügerisch sein.
Stress durch menschliche Nähe
Das Deutsche Meeresmuseum betont, dass Wildtiere nicht an Menschen gewöhnt sind. Jede Annäherung, insbesondere Lärm, bedeute enormen Stress und löse normalerweise Fluchtverhalten aus. Da der Buckelwal nicht fliehen könne, sei die Situation für ihn besonders dramatisch. Auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) weist darauf hin, dass Kontakt zu Menschen für Wildtiere immer Stress bedeutet. Bei Rettungseinsätzen in Nordamerika hätten alle Meeressäuger Anzeichen von Angst gezeigt, wenn man sich ihnen näherte.
Unsichtbare Stresssymptome
WDC erklärt, dass das Stresserleben bei Großwalen oft nicht direkt offensichtlich sei. Dazu gehörten eine erhöhte Herzfrequenz, Atemfrequenz und andere physiologische Symptome, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Die Organisation rät daher, so viel Abstand wie möglich zu halten und das Individuum aus der Ferne zu beobachten. Ein physisches Eingreifen solle nur in Ausnahmesituationen und mit möglichst wenig Einsatzkräften erfolgen.
Irreführende Ruhe
Die scheinbare Ruhe des Buckelwals könne in die Irre führen. WDC zufolge gibt es Daten, die belegen, dass manche Wale unter Stress die Lautstärke und Häufigkeit ihrer Laute erhöhen, während andere ganz aufhören zu kommunizieren. Ähnliches gelte für Bewegungen: Manche Wale äußerten Stress durch Flossenschläge, andere verfielen in eine Art Muskelverkrampfung, die sie ruhig werden lässt. Die genaue Situation des Wals vor Poel sei aus der Ferne nur schwer einzuschätzen.
Kritik an den Rettungsmaßnahmen
Meeresbiologe Boris Culik, früher am Geomar Helmholtz-Zentrum in Kiel, kritisiert das Vorgehen: „Aktuell haben wir eine Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten, deren Befähigung und Erfahrungen niemand hinterfragt. Influencer, Politiker, Behörden, Entscheidungswirrwarr und Bürokratie.“ Greenpeace-Experte Thilo Maack ergänzt: „Keinem Wildtier an Land würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.“
Vermenschlichung des Verhaltens
Immer wieder erklärten Beteiligte, sie hätten eine Verbindung zum Wal aufgebaut. WDC warnt davor, das Verhalten des gestrandeten Wals zu vermenschlichen. Auch Minister Backhaus hatte in den letzten Tagen stark vermenschlichende Sätze geäußert, wie: „Wenn man bei ihm ist und er Vertrauen zu fassen scheint, hebt er den Kopf.“
Mögliche Flucht vor Lärm
Der Buckelwal ist inzwischen fünfmal in flaches Wasser geschwommen. Möglicherweise verließ er den ersten Platz vor Timmendorfer Strand nur wegen des Getöses um ihn herum. WDC hält es für denkbar, dass sich der Wal zum Ausruhen oder sogar zum Sterben in das niedrige Gewässer begeben hat. Walforscher Fabian Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position immer wieder einnimmt, „weil er sich das Leben erleichtern will“. Er müsse dann nicht für die Atmung sorgen und könne bei Schmerzen ruhen.
Natürliches Verhalten bei Verletzungen
Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung erklärt, dass Wildtiere bei Verletzungen dazu neigen, sich zurückzuziehen und einen ruhigen Platz zu suchen. Sei ein Tier so verletzt, dass es nicht mehr fressen kann, könne sich sein Sterben über mehrere Wochen hinziehen. „Je größer ein Tier, desto länger dauert das tendenziell.“
Euthanasie als Option
WDC ist der Ansicht, dass die einzig vertretbare Maßnahme in der aktuellen Situation die Euthanasie des Wals wäre. Die Durchführung erfordere jedoch spezielle fachliche Expertise und Erfahrung mit der Euthanasie großer Wale und sei mit Risiken für die Einsatzkräfte verbunden. Bereits Anfang April waren Experten in einem wissenschaftlichen Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Rettungsversuch nicht erfolgversprechend sei und erhebliche Risiken für das Tier berge.
Globale Dimension
WDC betont, dass jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine weltweit einen ähnlich langen Leidensweg haben, da sie sich in Fischereigeräten verstricken. Der Fall des Buckelwals vor Poel sei zwar extrem traurig, aber kein Einzelfall. Die Organisation fordert, dass die langfristigen Überlebenschancen im Fokus stehen sollten, die für diesen Wal als extrem gering eingeschätzt werden.



